ICE-Passagierin in Zeiten von Corona

ANGERISSEN: In der Geisterbahn

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 26. März 2020

Kultur

Frankfurt Hauptbahnhof, Mittwoch, 25. März, 11.37 Uhr. Der Regionalzug aus Siegen trifft auf die Sekunde pünktlich ein. Der Bahnsteig ist so leer, dass man sehr gut vorankäme, wenn man jetzt wegen des Anschlusses eilen müsste. Aber niemand muss eilen. Die Sonne scheint vom sehr blauen Frühlingshimmel herunter und wirft ihre Strahlen verschwenderisch zwischen die Gleise bis an den Rand der leeren Bänke, vorn, in den Abschnitten D bis F. Alles so schön friedlich hier an der Drehscheibe des bundesdeutschen Bahnverkehrs.

Nun ja, von Drehscheibe kann jetzt gerade keine Rede sein. Es kommt einem der vor 14 Jahren erschienene Roman "Die Arbeit der Nacht" von Thomas Glavinic in den Sinn. Dessen Held wacht eines Morgens auf und stellt fest, er ist der letzte Mensch auf dieser Erde, während alle Dinge des ökonomisch avancierten westeuropäischen Lebens – die gefüllten Supermärkte, die Tankstellen, die Verkehrsinfrastruktur – verwaist, aber unversehrt da sind. So weit hat es das Coronavirus noch nicht gebracht. Aber ein gewisses Geisterleben von toten Gegenständen und Maschinen ist in diesen Tagen auch auf Bahnhöfen und erst recht in Zügen zu erleben.

Der ICE 73, der sonst bis nach Zürich fährt, aber jetzt nur bis nach Basel, Badischer Bahnhof – logisch, die Grenzen sind ja zu – ist ein neuer Zug der vierten Generation. So perfekt, so sauber, so gepflegt wie heute ist er einem noch nie vorgekommen: Die Toiletten sind wahre Oasen der Hygiene, die Seifen- und Desinfektionsmittelspender gut gefüllt. Die vorsorglich getätigte Reservierung in der vorsorglich gebuchten Ersten Klasse war niemals so unnötig wie heute. Im Wagen zehn direkt neben dem Bordbistro sitzt außer der Reisenden: niemand. Wirklich niemand. Im Bordbistro, das ausnahmsweise durchgehend geöffnet hat und alle Speisen und Getränke von der Karte auch vorhält, sitzt: niemand. Moment: Da ist doch jemand. Freude beim Zoon politikon kommt auf. Doch beim Näherkommen stellt es fest: Es ist der zuständige DB-Mitarbeiter, der absolut nichts zu tun hat und den Gast mit fast ungläubigem Lächeln begrüßt. Da wagt sich jemand auf den Gang zwischen den leeren Sitzen, den kein Schaffner während dieser Fahrt je betreten wird. Bahnfahren in Deutschland: Nichts scheint in diesen Tagen weniger ansteckend zu sein. Und nichts gespenstischer.