Das Epochenjahr 1933

Antidemokraten sind nicht gleich gute Faschisten

Thorsten Mietzner

Von Thorsten Mietzner

Mi, 24. September 2008

Lahr

Ein Versuch, das "Epochenjahr 1933" neu zu lesen – Lahr zwischen Terror, Anpassung und Gewalt: Es gab in der Stadt nur wenige überzeugte Demokraten. Antisemitismus, Antiparlamentarismus und Militarismus waren gängige Münzen der allgemeinen Diskussion/.

Wieder ein Jahrestag: Das "Epochenjahr" 1933 liegt 75 Jahre zurück. Ein Menschenalter ist das jetzt her. "Ungeheures liegt hinter uns, eine Umwälzung in der deutschen Volksgeschichte von unerhörtem Ausmaß". So fasste damals der Lahrer Dekan Emil Demuth im Evangelischen Gemeindeboten enthusiastisch und begeistert seine Empfindungen zusammen. Das "Ungeheure" und "Unerhörte" von 1933 steht auch heute noch im Mittelpunkt aller Diskussionen über dieses Jahr. Freilich sehen wir Nachgeborenen das Jahr in einem anderen Licht als etwa Emil Demuth.

Seit jenem Jahr ist die Lebensspanne einer ganzen Generation vergangen, nur wenige Zeitzeugen leben noch. Verordnungen "von oben" und Terror "von unten" beseitigten die Demokratie von Weimar, schrieb der Historiker Herbert L. Müller über Lahr. Dies Antwort erhält man auch, wenn man heute Schüler oder Zeitzeugen nach dem Jahr 1933 fragt: Es war das Jahr des beginnenden Terrors, des Reichstagsbrandes und der ersten Konzentrationslager sowie der Zerschlagung der Parteien und Gewerkschaften. War das alles? Immer steht dieser Prozess des schrankenlosen Terrors ganz im Mittelpunkt der Deutungen, ist die "Stadt" ganz Opfer. Für Stadtpfarrer Emil Demuth war es freilich etwas ganz anderes, von Terror ist bei ihm nichts zu spüren. Warum? War er ein "Nazi"? Erklärt das seine so andere Wahrnehmung? Es lohnt sich, sich die Frage nach "1933" immer wieder vorzulegen. Auch aus stadtgeschichtlicher Perspektive. Denn es geht ja nicht nur um die Charakterisierung eines Einzelnen, mag er nun Demuth, Wankel oder wie auch immer heißen. Bei "1933" geht es immer um die Frage: Wie war es möglich? War es der Zwang, der alle einschüchterte und überwältigte? Oder bestand die Stadt über Nacht nur noch aus Nationalsozialisten? Bei keinem Jahr ist die Diskrepanz zwischen der Sicht der Zeitgenossen und unser heutigen wohl so groß wie hier.

Dass Geschichtsschreibung immer die Perspektiven der Zeitgenossen zu berücksichtigen hat, ist wohl eine Binsenwahrheit. Einerseits. Dass dies bezüglich des Jahres 1933 besonders schwer fällt, aber ebenso. Andererseits. Und dies aus gutem Grund: Was nach 1938 und besonders ab Sommer 1941 passierte, war so ungeheuerlich, dass wir kaum daran "vorbeisehen" können, um einen davon unbelasteten Blick auf 1933 zu gewinnen. Aber: Der Holocaust begann nicht 1933, sondern hat seine eigene, freilich eng damit zusammenhängende Vorgeschichte. Was aber war dann 1933?

Drei Beispiele: Am 31. August 1924 hielt der katholische Vikar Heß in Lahr anlässlich eines Regimentstages der 169er eine öffentliche Feldpredigt, die der Lahrer Anzeiger ein paar Tage darauf ganzseitig veröffentlichte. In seiner Rede beschwor Heß noch einmal das Kriegsende 1918 und die darauf folgende Revolution herauf: "Immer und immer wieder steht vor meinem Auge der November 1918, wo wir, wie in ein Massengrab, wahllos alles wegwarfen, was uns einst groß und heilig und teuer war: die Heldenbilder der Vergangenheit, des deutsche ...

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