Architektur mit Charakter

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 22. November 2020

Südwest

Bauwerk Schwarzwald setzt sich für den Erhalt der traditionellen Baukultur im Schwarzwald ein.

Katja RuSShardt
Gerade nach oben geschlängelt hat man sich über das Höllental nach Hinterzarten, da verweist ein Schild auch schon auf die Ausfahrt zum Birklehof. Ein Internat und Gymnasium befindet sich seit 1932 auf dem weitläufigen Gelände der einstigen Gemarkung Steig, die heute zu Breitnau gehört. Herzstück und Namensgeber der Schule ist der aus dem Jahr 1550 stammende Altbirklehof, der drittälteste, sich noch im Original befindliche Schwarzwaldhof. Die ersten Internatsschüler wohnten hier ebenso wie der Pädagoge und Religionsphilosoph Georg Picht, bis 1955 Schulleiter, und seine Frau, die Pianistin und Mitbegründerin der Freiburger Hochschule für Musik, Edith Picht-Axenfeld.

Renoviert und angebaut wurde unzählige Male, was man im Inneren des Hauses an Teilen des Mauerwerks und vielen hölzernen Strukturen sehen kann. "Zuletzt stand das Haus 15 Jahre leer. Der gemeinnützige Verein der Schule Birklehof, Altschüler und Förderer, haben schon lange überlegt, wie man das schöne alte Gebäude wieder nutzen kann", erzählt Wolfgang Finke, schulintern zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, bei einer Führung im Nutz- und Bauerngarten hinter dem Haus. Von Schülerinnen und Schülern der Garten AG wird er gepflegt, Kräuter kann man hier finden, kräftig gewachsenes Wintergemüse, einen Brunnen, und, ganz neu, einen bäuerlichen Staketenzaun. Dahinter verläuft, exakt an der Grundstücksgrenze, der Querweg des Schwarzwaldvereins von Freiburg nach Konstanz.

Doch nicht nur die Rückseite des Altbirklehofs ist mittlerweile ein Bilderbuch-Motiv, denn das Landesamt für Denkmalpflege befand die Sanierung des Hofs nach Darlegung eines gut durchdachten Konzepts für förderungswürdig. "Im Mai 2019 konnten wir so endlich unsere Umbauarbeiten beginnen, die mit der Wiedereröffnung des Hofs im September abgeschlossen wurden", sagt Wolfgang Finke. Neben Leader (Liaison Entre Actions de Développement de L’Économie Rurale), ein Instrument zur Förderung des Ländlichen Raums erhielt man finanzielle Unterstützung durch das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum des Landes Baden-Württemberg, der Denkmalstiftung des Landes sowie Spenden privater Förderer – das Gros Altschüler des Birklehofs.

Den alten Hof wieder zu beleben und zu nutzen, war Ziel des Projekts. Christian Schwär, Bauleiter der ausführenden Firma Sutter, erinnert sich an anfängliche Schwierigkeiten, die Flexibilität erforderten: "Nach Beginn der Baustelle, nach dem Rückbau, mussten wir die Ausführungsplanung komplett revidieren. Räume waren auf einmal viel kleiner oder viel größer, hatten andere Balken oder Tragesysteme. Ich habe dann entschieden, sämtliche Bemaßungen aus den Plänen zu löschen und die Pläne nur noch als groben Leitfaden zu nutzen".

Entstanden sind zwei Familienwohnungen und eine Wohngemeinschaft für Schüler. Denkmalgeschützte Teile, wie den Flur im Parterre, die historische Stube und die durch eine mit moderner Technik ergänzte historische Rauchküche wird man aber auch als Besucher, etwa bei Veranstaltungen der Volkshochschule Hochschwarzwald, sehen können: Der Kabarettist Martin Wangler und die Künstlervereinigung Kosmos Schwarzwald gestalten ein regelmäßiges Kulturprogramm für das Altbirkle, das auch über einen eigenen Youtube-Kanal gesendet wird.

"Die Sanierung des Altbirklehofs zeigt, dass ein Gebäude seinen Charakter bewahren kann und trotzdem Wege in die Zukunft aufzeigt. Alte Bausubstanz ist sehr wohl dazu geeignet, weiter genutzt zu werden. Es ist ein besonderes Leuchtturmprojekt des Bestandserhalts mit Vorbildcharakter", sagt Diana Wiedemann, Architektin und Vorsitzende des im Juli dieses Jahres mit 70 Mitgliedern gegründeten Vereins Bauwerk Schwarzwald, zu denen auch die Schule Birklehof gehört.

Die Planung und Entwicklung der Sanierung des Altbirklehofs, sagt Diana Wiedemann, habe unter anderem mit Roland Schöttle, Geschäftsführer Naturpark Südschwarzwald, bereits lange vor der Gründung von Bauwerk Schwarzwald stattgefunden. 24 Handwerksbetriebe und Spezialisten für historische Bauwerke trugen schließlich zum Gelingen des Projekts bei. "Bauwerk Schwarzwald ist ein Kompetenzzentrum für die Vernetzung der Akteure im Schwarzwald. Dabei soll die regionsspezifische Bau- und Handwerkskultur gefördert werden", skizziert Diana Wiedemann die Ziele des Vereins, der sich als Plattform und Dachorganisation für Fachleute, aber auch als Anlaufstelle für Bauherren und Interessierte versteht, altes und neues Wissen im Bereich Baukultur, Handwerk und Design verbreitet.

Zusammenarbeiten, damit der Schwarzwald nicht nur wenige architektonische Glanzlichter hat: Auch bei Neubauten gelte es, so die Architektin und Referentin für Denkmalpflege des Landes Baden-Württemberg, mit Experten "eine schwarzwaldspezifische Architektursprache zu entwickeln, die sich positiv gegen die zurzeit vorherrschende uniforme und austauschbare Bebauung abhebt". Dennoch sind Gebäude mit Vergangenheit in puncto Atmosphäre unschlagbar: "Eine Bestandssanierung lohnt sich fast immer. Ein schönes Beispiel sei auch der historische Gutshof in Gutach", nennt Diana Wiedemann ein weiteres Projekt des Vereins, das mit dem "Effizienzpreis Bauen und Modernisieren 2018" ausgezeichnet wurde. In den ehemaligen, aufwändig sanierten Pferdeställen, ist nun der Bürgertreff des Orts untergebracht.