Corona-Vorsorge

Astrazeneca-Stopp verschiebt Entscheidung zu Impfung bei Hausärzten

dpa

Von dpa

Di, 16. März 2021 um 11:57 Uhr

Deutschland

Deutschland diskutiert über ein Vakzin: 1,6 Millionen Mal wurde das Astrazeneca-Präparat verabreicht, siebenmal kam es zu Thrombosen. Dass dies zu einer einstweiligen Aussetzung führte, hat Folgen.

Nach dem vorläufigen Stopp von Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca vertagen Bund und Länder Entscheidungen für einen Impfstart in den Arztpraxen. Eine für diesen Mittwochabend vorgesehene Telefonkonferenz der Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten wird verschoben, bis eine Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zum weiteren Umgang mit Astrazeneca vorliegt, wie ein Sprecher der Bundesregierung am Dienstag mitteilte.

"Auf der Grundlage der Zwischenfälle, die wir jetzt kennen, überwiegt natürlich der Nutzen des Impfstoffs, insbesondere bei den Älteren." Karl Lauterbach
Bei den Bund-Länder-Beratungen sollte es vor allem darum gehen, wann auch Hausärzte auf breiter Front mitimpfen sollen. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten einen breiten Impfstart in den Praxen bisher spätestens für die Woche vom 19. April angepeilt. Dies ist nun aber ungewiss. Der Impfstoff von Astrazeneca kann auch gut in Praxen eingesetzt werden, weil er nicht so stark gekühlt werden muss wie etwa das Präparat von Biontech.

Wie einige andere europäische Länder hat auch Deutschland Impfungen mit Astrazeneca nun als "reine Vorsichtsmaßnahme" ausgesetzt, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag mitgeteilt hatte. Hintergrund ist eine entsprechende Empfehlung des für die Impfstoff-Sicherheit zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) nach Meldungen von Blutgerinnseln in zeitlichem Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung.

Laut SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach lassen sich die nach Astrazeneca-Impfungen gemeldeten Thrombosen (Blutgerinnseln) der Hirnvenen "mit großer Wahrscheinlichkeit" auf das Präparat von Astrazeneca zurückführen. "Das sieht man sonst in der Bevölkerung 50 mal im ganzen Jahr in Deutschland", sagte Lauterbach am Montagmorgen im ARD-Morgenmagazin. Er betonte aber auch: "Auf der Grundlage der Zwischenfälle, die wir jetzt kennen, überwiegt natürlich der Nutzen des Impfstoffs, insbesondere bei den Älteren", betonte Lauterbach. In Abwägung mit der Thrombose gegen die Covid-19-Erkrankungen, die bei Älteren "sehr, sehr häufig tödlich" verlaufe, hätte er die Impfungen nicht ausgesetzt.

Drei Thrombosen verliefen tödlich

Die EMA arbeitet an einer erneuerten Bewertung des Impfstoffs. Die Sicherheitsexperten wollen am Donnerstag über mögliche weitere Schritte entscheiden, teilte die EU-Behörde mit. Von sieben in Deutschland gemeldeten Fällen mit Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung verliefen drei tödlich, wie PEI-Präsident Klaus Cichutek in der ARD sagte. Bisher wurde das Astrazeneca-Präparat hierzulande mehr als 1,6 Millionen Mal verimpft. "Wir haben aufgrund von neuen Untersuchungen, aber auch neuen Meldungen, eine neue Lage", sagte Cichutek.

"Eine Alternative wäre es, über das überschaubare Risiko ausführlich aufzuklären und weiterhin jene Menschen zu impfen, die eine Impfung mit Astrazeneca möchten." Janosch Dahmen
Die Entscheidung trifft auf Kritik. Der Pandemiebeauftragte des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München, Christoph Spinner, sagte, Sicherheit stehe zwar an oberster Stelle – das Aussetzen könne man aber zumindest hinterfragen. "Die Ereignisse sind sehr selten", sagte er mit Blick auf die Zahl der Vorfälle. Und: "Wir impfen derzeit prioritär Menschen mit Vorerkrankungen." Diese Patienten hätten teils von vornherein ein gesteigertes Thromboembolie-Risiko.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen nannte den Stopp auf Basis geringer Fallzahlen angesichts der dritten Corona-Welle fahrlässig. "Eine Alternative wäre es, über das überschaubare Risiko ausführlich aufzuklären und weiterhin jene Menschen zu impfen, die eine Impfung mit Astrazeneca möchten", sagte er.

Söder: "Würde mich sofort hinstellen"

Der Vorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, hält das Präparat zwar für sicher. "Trotzdem ist es richtig, dass die nationalen Behörden die Verdachtsfälle auf schwere Nebenwirkungen prüfen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er könne nachvollziehen, wenn es Vorfälle gebe wie in Dänemark, dass man dann erst einmal prüfe, bevor man weiter impfe. Dänemark hatte als erstes Land Astrazeneca-Impfungen ausgesetzt, nachdem es im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung einen Todesfall gab.

CSU-Chef Markus Söder glaubt nach eigenen Worten nicht, dass die Astrazeneca-Impfungen generell ausgesetzt bleiben. Es würden nach der Prüfung der Vorfälle noch viele Gruppen damit geimpft werden können, sagte er in der ARD. "Ich würde mich auch sofort hinstellen." Er riet, die Zweitimpfung weiter hinauszuschieben, die Ärzte frühzeitig einzubinden und die festgelegte Impfreihenfolge zu lockern.

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