Regionalverkehr

Auf der Hochrheinstrecke werden Coronaregeln nur unzureichend eingehalten

Markus Baier

Von Markus Baier

Do, 03. September 2020 um 20:02 Uhr

Kreis Waldshut

Technische Probleme, kein Abstand, keine Kontrollen. In den Zügen zwischen Basel und Singen sind die Corona-Vorschriften praktisch nicht einzuhalten. Probleme, für die es kaum kurzfristige Lösungen gibt.

Marode Technik, wenig Platz, kaum Möglichkeiten, die Corona-Vorschriften einzuhalten: Die Berichte von Bahn-Pendlern auf der Hochrheinstrecke zwischen Basel und Singen machen in Zeiten von Corona betroffen. Es hakt an vielen Stellen, sagen auch Experten, und vor allem: Kurzfristige Lösungen für die Probleme sind nach Jahren der Untätigkeit nicht vorstellbar.

Zu geringe Platzkapazitäten, veraltete, defektanfällige Fahrzeugtechnik, Personalengpässe: Seit vielen Jahren hält die Kritik an den Zuständen bei der Deutschen Bahn auf der Hochrhein-Strecke an. Seit vielen Jahren werden Kunden auf die Elektrifizierung vertröstet – also auf die Zeit in etwa zehn Jahren. Dabei erweisen sich die längst bekannten Defizite in der aktuellen Corona-Pandemie erst recht als Problem. Das zeigen Erfahrungsberichte. Experten bestätigen: Sicherheitsabstände sind in Zügen praktisch nicht einzuhalten. Was die Kontrolle bei der Einhaltung der Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln anbelangt, sind den Bemühungen der Bahnmitarbeiter enge Grenzen gesetzt.

Bahn-Pendler: "Habe ein sehr ungutes Gefühl"

Von geradezu katastrophalen Zuständen berichtet Bernd Jägle, der regelmäßig auf der Hochrheinstrecke zwischen Bad Säckingen und Basel zur Arbeit pendelt. Zwar sei man als regelmäßiger Bahnfahrer in der Region einiges gewohnt, insbesondere technische Defekte oder Ausfälle aufgrund von Hitze im Sommer, schildert er in seinem Bericht an unsere Zeitung. Doch die Erlebnisse im Zusammenhang mit Corona und der Einhaltung der Schutzvorschriften hinterließen zumindest "ein sehr ungutes Gefühl". Eine Fahrt am Freitag vor einer Woche von Basel an den Hochrhein ist Jägle dabei besonders in Erinnerung geblieben.

Technische Probleme, kein Abstand, keine Kontrollen

Los ging es mit einem Zugausfall am Badischen Bahnhof in Basel an dem heißen Freitagnachmittag vor gut zwei Wochen. Nachdem bekannt gegeben wurde, dass das Fahrzeug definitiv nicht fahren werde, hätten die Wartenden am Bahnsteig zu allererst ihre Schutzmasken entfernt. Obwohl dies eigentlich nicht erlaubt ist, blieb die Sache unbeanstandet. Der nachfolgende Zug, bestehend aus lediglich einem Triebwagen, besaß kaum genügend Platz, um alle Wartenden aufzunehmen: "Der Zug ist so voll, dass sich die Türen erst im dritten Anlauf schließen lassen. An Abstand ist nicht zu denken", schildert Bernd Jägle.

Die Klimaanlage verschaffte bei hochsommerlichen Temperaturen kaum Abkühlung und schon während der Fahrt entfernen viele Fahrgäste ihre Masken. Schließlich blieb der Zug mit einem technischen Defekt vor Grenzach-Wyhlen liegen und musste abgeschleppt werden. Während der Wartezeit in der Hitze, so Jägle weiter, hätten wiederum viele Mitreisende ihre Schutzmasken gelockert oder diese entfernt. Gerade ältere Reisende hätten Mühe gehabt, die Situation zu ertragen.

Wird die Bahnfahrt zum "Super-Spreading-Event"?

Abgesehen von der deutlich verspäteten Ankunft am Zielbahnhof, blicke er mit Sorge auf diese Fahrt zurück, stehe sie doch exemplarisch dafür, was täglich auf der Hochrheinstrecke geschehe, fasst Jägle zusammen: "Mitfahrer aus der ganzen Region, unterschiedlicher Firmen und jeder Altersgruppe waren dabei. Ein idealer Ort für ein ,Super-Spreading-Event’." Und kontrolliert wurde eben auch nicht. Es blieben aber auch Fragen – ob sich die Bahn dieser Problematik bewusst ist, und wer eigentlich hafte, wenn sich wirklich Pendler in größerer Zahl anstecken.

Bahn: "Kein Pardon bei Verstößen"

Die Deutsche Bahn reagiert auf Nachfrage beschwichtigend und verweist auf die geltenden Regelungen, auf deren Einhaltung gepocht werde. Generell gebe es eine hohe Bereitschaft der Reisenden, die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nase-Schutzes einzuhalten. Aber selbst wenn sich "eine kleine Minderheit" nicht an die Vorgaben halte, sei dies für die Bahn nicht hinnehmbar, wie eine Unternehmenssprecherin betont: "Sollten sich Fahrgäste nach einer wiederholten Aufforderung weigern, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen, können wir dies nicht akzeptieren und holen, wie in allen Konfliktsituationen, die Bundespolizei hinzu." Zudem ist inzwischen ein bundesweites Bußgeld für Maskenmuffel in Bussen und Bahnen in Planung. Dieses soll bei mindestens 100 Euro liegen.

Was die Bereitstellung zu kleiner Transporteinheiten anbelangt, sieht die Bahn die Verantwortung freilich an anderer Stelle: "Die Leistung im Regionalverkehr wird vom Land als Aufgabenträger bestellt, und wir stehen hier im ständigen Austausch."

Fahrgastverband: "Kurzfristige Lösungen nicht denkbar"

Den Fahrgastverband "Pro Bahn" überraschen Schilderungen wie die von Bernd Jägle nicht, wie dessen Landesvorsitzender Stefan Buhl im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Die Missstände auf allen Ebenen seien seit Langem bekannt. Unternommen habe aber niemand etwas, stets mit Verweis darauf, dass ja mit der Elektrifizierung ohnehin alles besser werde: "Unter den gegebenen Rahmenbedingungen sind jetzt auch kurzfristige Lösungen nicht denkbar." In diesem Sinne sei es wohl vor allem "Glück", dass es bislang kein erhöhtes Infektionsgeschehen im Zusammenhang mit Bahnreisen gegeben habe, so Buhl. Gleichzeitig betont er: Dass viele Bahnreisende mit einem "mulmigen Gefühl" in die Züge einstiegen, könne er zwar nachvollziehen. Grund zur Panik gebe es aber nicht: "Die Bahn ist ein Massentransportmittel. Ein gewisses Risiko ist damit selbst unter idealen Bedingungen immer verbunden."

Lokführer-Gewerkschaft: "Es mangelt an Personal"

Gut gedacht, doch in der Praxis schwer umsetzbar – so schätzt Lutz Dächert, Bezirksvorsitzender Süd-West bei der Lokführer-Gewerkschaft GdL, die von der Bahn eingeführten Corona-Regelungen ein. Denn de facto mangle es gerade im Regionalverkehr an allem, was zur Gewährleistung der Einhaltung notwendig ist. Personal, das die Einhaltung der Vorschriften kontrollieren soll, gibt es zu wenig. Insofern könne sich die Bahn glücklich schätzen, dass die Bereitschaft zum Tragen der Masken sehr hoch ist. Denn: "Es ist häufig schon mit Anfeindungen verbunden, wenn ein Fahrgast keine Fahrkarte vorweisen kann. Wenn dann noch der Hinweis auf die Schutzmaske hinzu kommt, ist was los", so Dächert. Verbale und körperliche Übergriffe seien keine Seltenheit.

Hilfe von anderen Mitreisenden erhielten die Bahn-Bediensteten dabei nur selten. Die Polizei werde in der Praxis allerdings in den seltensten Fällen hinzugezogen, schon gar nicht auf Nebenstrecken. Das liege häufig daran, dass Zugbegleiter Verzögerungen im Betriebsablauf vermeiden wollten, da diese zwangsläufig das Risiko weiterer Auseinandersetzungen mit Reisenden nach sich ziehen. Insofern sei es dringend notwendig, dass Zugbegleiter mit mehr Befugnissen ausgestattet würden.

Maske einziger Schutz bei Bahnfahrt

Das Tragen der Maske ist nach Einschätzung des Gewerkschafters der einzig mögliche Schutz von Mitarbeitern und Mitreisenden: "Nicht einmal im Fernverkehr können die Mindestabstände eingehalten werden." Die marode Technik auf der Hochrhein-Strecke sei wiederum ein altbekanntes Problem, das die Situation noch verschärfe, so Dächert. Da kämen verschiedene Faktoren zusammen – Lieferengpässe, Defektanfälligkeit und ablaufende Verkehrsverträge: "Da wird vorerst niemand mehr neue Fahrzeuge anschaffen, vor allem weil ja die Elektrifizierung kommen soll", sagt Dächert. Insofern werde man noch eine ganze Weile mit den Problemen leben müssen.

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