Aus für Beichtgeheimnis gefordert

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 16. Juni 2019

Freiburg

Der Sonntag Opfer sexuellen Missbrauchs üben scharfe Kritik an den Kirchen.

Ehemalige Heimkinder, die in katholischen und evangelischen Einrichtungen gequält und sexuell missbraucht worden sind, kritisieren in einem Offenen Brief an die Kirchen mangelnde Aufarbeitung und fordern weitreichende Konsequenzen. Darunter die Einrichtung einer unabhängigen Kontrollinstanz auf Bundesebene für alle an Kinderschutzverfahren beteiligten Institutionen und die Aufhebung des Beichtgeheimnisses. Autor des Briefes ist der Freiburger Clemens Maria Heymkind, der unter diesem Pseudonym bereits zwei Bücher verfasst hat.

"Wir Heimkinder werden von den Kirchen ständig mit Worthülsen abgespeist und mit vagen Ankündigungen vertröstet", sagt Heymkind (53). Auch er selbst, der als Kind in einem von Franziskanerinnen geführten Heim im bayerischen Mallersdorf missbraucht wurde, habe dies unlängst wieder erlebt: Zwar empfing ihn der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa im November 2018 endlich zum Gespräch, doch sein Angebot, Heymkind im Februar zum Missbrauchsgipfel nach Rom mitzunehmen, habe der Bischof nicht wahrgemacht. "Das hat mich schwer enttäuscht", sagt Heymkind.

Zusammen mit anderen Missbrauchsopfern sowie Unterstützern wie den Professorinnen Barbara Schramkowski und Anja Teubert von der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen verschickte er daher den Offenen Brief. Das Schreiben mit dem Titel "Hinsehen, Verstehen, Handeln: Kinderschutz und Gerechtigkeit" hat die Deutsche Bischofskonferenz und den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in der Woche vor Pfingsten erreicht.

Die Unterzeichner äußern sich darin enttäuscht von der aus ihrer Sicht unzureichenden Aufarbeitung der Missbrauchsskandale. Sie kritisieren, dass das Zustandekommen der im September 2018 veröffentlichten Missbrauchsstudie im Auftrag der katholischen Deutschen Bischofskonferenz durch "Zensur und Intransparenz" geprägt gewesen sei und dass ganze Opfergruppen ausgenommen waren – etwa jene Heimkinder, die in Einrichtungen von Ordensgemeinschaften gelitten haben, die keiner Diözese unterstellt sind. Die evangelische Kirche habe sich erst jetzt dazu durchgerungen, bis Herbst Eckpunkte einer Vereinbarung zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt zu erarbeiten. Und das Leiden dauere an: Gehe der Fonds Heimerziehung Stuttgart davon aus, dass zwischen 1945 und 1979 in West- und Ostdeutschland rund 1,2 Millionen Kinder in staatlichen und kirchlichen Heimen missbraucht wurden, so seien allein 2017 und 2018 bundesweit 27 949 neue Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern erfasst worden, davon 143 mit Todesfolge.

Vor diesem Hintergrund fordern die Unterzeichner eine verstärkte Anhörung der Betroffenen in Kinderschutzprozessen sowie eine Instanz, die die beteiligten Jugendämter, Familiengerichte und Staatsanwaltschaften kontrolliert. Kinderrechte müssten im Grundgesetz verankert und finanzielle Entschädigungen bereitgestellt werden. Verantwortliche in den Kirchen müssten sich bei den Opfern entschuldigen und Unterlagen zur Strafverfolgung herausgeben. Außerdem verlangen sie die Aufhebung des Artikels 9 des Reichskonkordats von 1933, der Behörden und Gerichten den Zugriff auf Kenntnisse von Klerikern, die unter die "Pflicht der seelsorgerlichen Verschwiegenheit" fallen, verweigert. Er sei überzeugt, dass dieses Beichtgeheimnis Missbrauch begünstige und seine Aufdeckung vielfach erschwere, betont Heymkind.

Von der katholischen Kirche habe er bislang keine Reaktion erhalten, die EKD habe lediglich geschrieben, dass man alles tue, um Missbrauch künftig zu verhindern, berichtet Heymkind: "Auf unsere Forderungen ist sie mit keinem Wort eingegangen."

Sigrun Rehm