Aus Stall und Scheune ist ein Ort der Kunst geworden

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Di, 11. August 2020

Lörrach

Galerist Jürgen Unseld muss Ausstellung mit Arbeiten von Hanna Benndorf und Gabriele Menzer wegen der Pandemie verschieben.

. Ohne die Corona-Pandemie würde derzeit Jürgen Unseld in seiner Galerie im Zwetschgenweg in Tüllingen die neuesten Werke von zwei bedeutenden Künstlerinnen der Region zeigen: Hanna Benndorf und Gabriele Menzer. Die Ausstellung wurde mittlerweile in den Frühling 2021 verschoben. Stattdessen hängen in den drei Stockwerken der ehemals landwirtschaftlich genutzten Scheune Gemälde von Jürgen Unseld selbst. Der Künstler und Galerist stellt diesen Kunstort bei einem Rundgang vor.

Schon der Eingang hat besonderes Flair, denn man betritt das Haus durch einen gotischen Kapellbogen. 350 Jahre gibt der Hausherr dem Relikt, von dem niemand weiß, woher es genau stammt, und die Balken in dem ebenerdigen Raum seien noch älter. "Das ganze Haus besteht aus gebrauchten Balken", erzählt Jürgen Unseld und weist auf Gebrauchsspuren. Bis heute wirkt hier der frühere Stall nach. Nicht bloß ein Schweinetrog in einer Ecke zeugt davon, dass hier einst Vieh untergebracht war, sondern auch die lange Natursteinwand, durch die Ausscheidungen der Tiere von Salpeter getränkt. Aus allen Fugen schwitzt sie auch nach außen und lässt das Mauerwerk wie pulverisierter weißer Marmor rieseln und zu Staub zerfallen. Diese mehr als sieben Meter lange Wand mit Kunst zu bespielen, ja sie zu bewältigen ist eine echte Herausforderung. Unseld hat über die volle Länge eine Leiste angebracht, an der gegenwärtig ein aus mehreren Einzelbildern beschaffenes langes Gemälde im typischen Stil des Künstlers zwischen Surrealismus und Expressionismus hängt. An einem Ende des Fries’ bleibt eine Lücke, weil die Bilder bereits verkauft wurden.

Vor 40 Jahren hat die Familie Unseld das gesamte Anwesen am Zwetschgenweg von Heli Ruser gekauft. Bevor sich der Künstler seinen ewig gehegten Traum von Atelier und Galerie erfüllen konnte und mit neu eingezogenen Decken und Wänden die alte Scheune dafür umbaute, wurde sie als Abstellfläche genutzt. Und da lag auch noch das alte Heu, das nie abgeholt worden war. Vor zehn Jahren begann Jürgen Unseld mit Ausmisten und -räumen. Was in jahrelanger Arbeit entstand, biedert sich nicht mit modisch-rustikalem Zierwerk an, sondern bewahrt, was übrig war, fügte sonst aber nichts hinzu. Sein Atelier unterm Dach wurde vor vier Jahren zuerst fertig. Den Dachstuhlcharakter hat der Künstler erhalten, ihn nur mit durchsichtiger Folie abgedeckt, so dass aus den drei Öffnungen nach außen das Licht hereinfallen kann.

Was Jürgen Unseld dort an der Staffelei aus der Hand geht, schwanke hin und her. Er neige dazu, mal in eine Sackgasse zu arbeiten, stellt er selbstkritisch fest. Dann müsse er sich rückwärts wieder herausmanövrieren. Diese Korrespondenz werde durch seine "private Wechselausstellung" in der vor zwei Jahren fertig gewordenen Galerie erleichtert. Sie zeigt die ganze Bandbreite seiner Kunst und illustriert seinen Kampf. Vor einem Bild bleibt Unseld stehen, das als Beispiel dafür herhalten kann. "Das ist mir zu steif und langweilig, gerade im Hinblick auf das Bild nebenan." Eine immerwährende Auseinandersetzung führt der Künstler auch mit dem Surrealismus. Wie viel Erzählendes soll in einem Werk noch enthalten sein?

In der Nische eines Halbstocks hängt ein Bild vom Vater. Einige davon hat der Sohn im Gespräch mit ihm übermalt und gemerkt, dass aus dem Spiel mit den Zufällen plötzlich etwas erwachse. "Das ist sehr tröstlich", sagt Unseld.

Da man sich nicht unentwegt selbst ausstellen kann, kam ihm die Idee, in den schönen Räumen auch andere Künstler vorzustellen, die Frage war nur, ob regional Unbekannte oder lokal Arrivierte. Unseld entschied sich für Bekannte. Nach Konstantin Weber und Bernd Goehring, die er 2019 präsentierte, wären jetzt ebenbürtige Frauen an der Reihe gewesen. Im Frühjahr soll die Ausstellung nun stattfinden, wenn bis dahin eine Vernissage möglich ist. Denn, diese Erfahrung hat der Galerist bereits gemacht: "Eine Vernissage ist ungemein wichtig. Ohne sie geht es nicht."

Mehr Infos unter https://juergenunseld.de