Interview

Ausbildung in der Corona-Krise: "Der Beratungsbedarf ist sehr groß"

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Mi, 10. März 2021 um 19:19 Uhr

Titisee-Neustadt

Anette Stetter betreut als Ausbildungsbegleiterin der Industrie- und Handelskammer Azubis. Im Interview spricht sie über die Not der Betriebe und der Auszubildenden in der Corona-Pandemie.

Von einer Ausnahmesituation in der Tourismusbranche und sehr großer Verunsicherung bei allen Beteiligten berichtet IHK-Ausbildungsberaterin Anette Stetter im Interview mit Peter Stellmach.

BZ: Wie erleben Sie die Situation um die ständig unterbrochene Ausbildung der HoGa-Fachkräfte?
Stetter: Betriebe fragen sich, wann es weitergeht, wie und ob sie die Krise überstehen und wie sie ihrer Verantwortung als Ausbildungsbetrieb gerecht werden. Die Azubis fragen sich, was der wiederholte Lockdown für ihre Ausbildung, die Prüfungen und den Übergang vom Azubi zur Fachkraft bedeutet.

BZ: Schildern Sie ein Beispiel?
Stetter: Es geht um die Frage, ob Azubis angesichts der hohen Fehlzeiten zur Abschlussprüfung zugelassen werden können. Oder auch um Azubis mit Migrationshintergrund, bei denen die Sprachförderung zu kurz gekommen ist und die sich sorgen, ob sie die Prüfung schaffen.

BZ: Wer braucht mehr Hilfe oder Zuspruch: Azubis oder Betriebsleiter?
Stetter: Der Beratungsbedarf ist sehr groß. Betriebe benötigen neben Auskünften viel Zuspruch und moralische Unterstützung. Azubis hingegen benötigen oft auch Hilfe, die über die Ausbildung hinausgeht. Wobei die Grundfrage der Zukunftsunsicherheit beide wieder eint.

BZ: Die sind verzweifelt?
Stetter: Verunsichert trifft es besser. Der Einfallsreichtum und die innovativen Ideen der Gastronomie wie Essen-to-Go, Caravan Dinner und mehr zeigen, dass viele Betriebe die Ärmel hochkrempeln und das Beste aus der Lage machen. Das ist aber fast immer Schadensbegrenzung und natürlich kein Ersatz für den Regelbetrieb. Entscheidend ist für die Betriebe als auch für die Frage, wie es mit der Ausbildung weitergeht, dass es so schnell, wie es gesundheitlich vertretbar ist, wieder eine möglichst breite Öffnung gibt.

BZ: Wie helfen Sie?
Stetter: Ich versuche, Azubis und Betrieben Optionen aufzuzeigen, wie es weitergehen kann. Ziel ist dabei immer, eine Lösung zu finden, die für beide Seiten funktioniert. Jenseits der Ausbildungsberatung unterstützen viele weitere Kollegen und Kolleginnen der Kammer. Mit unseren Netzwerken können wir zusätzliche Tipps und Hilfestellungen geben, etwa zu den staatlichen Hilfsprogrammen. Deshalb rate ich, davon regen Gebrauch zu machen.

"Normalbetrieb zu ersetzen, ist natürlich nicht möglich, und die duale Ausbildung lebt im Kern ja gerade davon, dass sie im Echtbetrieb stattfindet."

BZ: Welche Rolle spielen die Schulen?
Stetter: Gerade im Lockdown waren die Berufsschulen eine gewisse Konstante für viele Azubis. Zu Beginn der Pandemie war es für die Schulen natürlich auch ein Kaltstart, plötzlich auf Fernunterricht wechseln zu müssen. Da hat es manchmal geknirscht im Getriebe. Inzwischen läuft das aber weitgehend gut.
Anette Stetter ist Hotelbetriebswirtin und seit 2013 Ausbildungsberaterin der IHK Südlicher Oberrhein. Gelernte Köchin, war sie in einem Sternerestaurant, auf einem Kreuzfahrtschiff, bei Hilton in den USA und bei der Fußball-WM in Deutschland tätig.

BZ: Wie soll man das Geschäft mit dem Gast lernen, wenn keine Gäste da sind?
Stetter: Normalbetrieb zu ersetzen, ist natürlich nicht möglich, und die duale Ausbildung lebt im Kern ja gerade davon, dass sie im Echtbetrieb stattfindet. Viele Betriebe geben sich aber große Mühe, um durch innerbetriebliche Schulungen, Personalessen oder Ähnliches die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Mein Eindruck ist, dass in fast allen Fällen das Möglichste getan wird, damit den Azubis keine Nachteile entstehen.

BZ: Manchen jungen Leuten fehlen durch die Lockdowns bis zu acht Monate Ausbildung. Muss ich Sommer damit rechnen, dass der Koch das Steak grob behandelt hat?
Stetter: Es fehlt in vielen Fällen zwangsläufig betriebliche Praxis. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Qualität in Küche und Service nach dem Lockdown leidet, ist aber abwegig. Im Gegenteil: Wenn es wieder möglich ist, Gäste zu bewirten, werden Sie ein ausgezeichnetes Steak auf dem Teller haben, das Ihnen mit noch mehr Wertschätzung serviert wird!

"Eine vereinfachte Prüfung hat es nicht gegeben – schließlich soll es nachher nicht heißen: Aha – Sie haben einen Corona-Abschluss!"

BZ: Wie ist die Winterprüfung gelaufen?
Stetter: "Safety first" war das Gebot der Stunde. Eine vereinfachte Prüfung hat es nicht gegeben – schließlich soll es nachher nicht heißen: "Aha – Sie haben einen Corona-Abschluss!" Wir haben viel Aufwand betrieben, Laufwege definiert, Abstände vergrößert, Gruppen verkleinert und (leider) im Restaurant auch ohne Gäste die Prüfung abgenommen. Unter dem Strich hat alles gut funktioniert.

BZ: Sind überhaupt alle zugelassen worden mit so vielen Fehlzeiten?
Stetter: Wir schauen uns jeden Einzelfall an und nutzen unsere Ermessensspielräume. Nicht in allen Fällen ist eine Zulassung möglich. Doch nur sehr wenige Azubis haben ihre Ausbildung abgebrochen.
Statistik:

143 Auszubildende in 54 Betrieben zählt die IHK im Hochschwarzwald. Zur Sommerprüfung zugelassen sind elf Hotelfachleute, elf Köche und Köchinnen, sechs Restaurantfachleute.

BZ: Wie blicken Sie der Sommerprüfung entgegen?
Stetter: Die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung stimmen mich optimistisch, dass unsere Prüfungen im Hochsommer wieder zu großen Teilen im "normalen" Rahmen ablaufen.

BZ: Könnten die jungen Leute/Betriebe die Ausbildung verlängern?
Stetter: Ja, wenn das Ausbildungsziel in der Regelzeit nicht erreicht werden kann. Hierzu berate ich einige Auszubildende und Betriebe.

"Viele Gastronomen fühlen sich gerade wie ein Kapitän ohne Kompass bei Nebel in stürmischer See. "

BZ: Bekommt die Branche mit chronischem Personalmangel eine verlorene Generation?
Stetter: Nein, das kann man so nicht sagen. Natürlich hängt der Ausbildungserfolg noch mehr als sonst vom persönlichen Engagement ab. Wer am Ende trotz der widrigen Umstände seinen Abschluss in der Tasche hat, muss sich nicht verstecken – ganz im Gegenteil!

BZ: Wenn die Branche an Ostern nicht öffnen kann, wird es ein Desaster, haben Sie im Vorgespräch gesagt...
Stetter: Viele Gastronomen fühlen sich gerade wie ein Kapitän ohne Kompass bei Nebel in stürmischer See. Planung ist schier unmöglich. Die Existenz steht auf dem Spiel. Trotz aller Hilfsprogramme, die meisten Betriebe leben von der Substanz. Diese Reserven tragen nicht mehr lange – die Uhr tickt.

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