Ausgedient

Von Marcel Burkhardt (Text und Fotos)

Von Von Marcel Burkhardt (Text und Fotos)

Sa, 12. Juli 2008

Panorama

Es ist ihre letzte Stelle: Im Dienstbotenheim Oeschberg arbeiten frühere Knechte und Mägde nur noch für sich selbst / Von Marcel Burkhardt (Text und Fotos)

Anton Haslebacher könnte ausschlafen, tagsüber in der Sonne liegen, abends fernsehen und ein Glas Wein trinken – kurzum: Faulenzen und es sich gutgehen lassen. Doch wenn einer dem 69-Jährigen mit so einem Vorschlag kommt, dann blickt er fast grimmig drein und schüttelt den Kopf. Anton Haslebacher will aufstehen, wenn alle anderen noch schlafen, und sich um die Kühe kümmern, so, wie er das fast sein "Läbtig lang" gemacht hat.
Es ist Viertel vor fünf, das Tageslicht nur zu erahnen. Haslebacher, ein gedrungener Mann, mit breiten Schultern, kräftigen Armen, derben Händen, wischt sich den Schweiß von der Stirn, fährt eine schwere, mit dampfendem Kuhdung bepackte Karre aus dem Stall, quer über den Hof, am mächtigen Walnussbaum vorbei, mit Schwung auf den meterhohen Misthaufen hinauf.
Fünfe gerade sein lassen, vielleicht hat er davon mal geträumt als junger Mann. Aber der Bauer, für den er jahrzehntelang geschuftet hat, hätte ihm was erzählt. Haslebacher eilt zurück. Er hat keine Ruhe in sich, solange er einen Berg Arbeit vor sich sieht. Er muss Ulrike, Anja, Sina und die fünf anderen Kühe versorgen. Sie brauchen trockenes Stroh unter die Hufe, frisches Futter in die Tröge. Haslebacher muss ihnen die schweren Glocken umhängen, das Fell striegeln, die Euter reinigen. Halb sechs kommt der Chef zum Melken.
Der Chef, das ist Alexander Nägeli (60). Gelernter Landwirt, ein großer, stiller Mann. Seit 22 Jahren leitet er gemeinsam mit seiner Frau Verena das Dienstbotenheim Oeschberg in Koppigen, einem Dorf unweit von Bern. Alte Knechte und Mägde finden hier nach jahrzehntelangem Schuften auf Schweizer Bauernhöfen ein letztes Zuhause. Das einzigartige Altenheim gibt es seit mehr als 100 Jahren dank einer Spende der wohlhabenden Geschwister Elise und Ferdinand Affolter. Ihre Porträts hängen heute an einem Ehrenplatz. Es heißt, dass sie ein Herz hatten für Menschen in Bedrängnis. Ihr letzter Wille war es, ein Heim für "das brave Gesinde" zu schaffen, verbunden mit einem landwirtschaftlichen Betrieb. Knechte und Mägde sollten in ...

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