Dritte Staffel

"Babylon Berlin": Leise rauscht das Unheil

Peter Disch

Von Peter Disch

Fr, 24. Januar 2020 um 00:25 Uhr

Computer & Medien

Mehr Krimi, weniger Weltenpanorama: Die drittel Staffel der Fernsehserie "Babylon Berlin", angesiedelt kurz vor dem Börsencrash 1929, schaltet einen Gang zurück.

Es ist der große Knall. 1929. Die Aktienblase platzt. Die wertlos gewordenen Papiere segeln wie welke Blätter durch das lichte Treppenhaus der Berliner Börse. Eine Konfettiparade des Untergangs. Es herrscht Panik. Alle sind wie betäubt. Schreiende Schatten ihrer selbst, jeder für sich gefangen in der eigenen, bleiernen Schockstarre, allein mit der Frage nach den Konsequenzen. Einer setzt allem sofort ein Ende. Kopfschuss. Ein anderer nimmt sich den Strick. Springt über das Geländer. Kommissar Volker Bruch weicht den baumelnden Beinen aus. Schaut dem Erhängten ins Gesicht. Dann geht er weiter. Wie in Trance. Stufe für Stufe in Richtung Ausgang. Auf dem Parkett – ein Blick nach oben. Dort steht Alfred Nyssen, ein Unternehmersohn und reaktionärer Nationalist, seine Familie hat in der Schwerindustrie ein Vermögen gemacht. Das ist nun genau so dahin wie das Geld der kleinen Leute, die sich draußen zusammenrotten. Nyssen aber bleibt ruhig. Ein schmales Lächeln. In den Augen stiller Triumph. Dann öffnet Rath die Tür. Und der Sturm bricht los.

Die dritte Staffel der Fernsehserie "Babylon Berlin" fängt mit ihrem Ende an. Warum ist Gereon Rath in der Börse? Was hat Nyssen – hat Nyssen etwas mit dem Crash zu tun? Warum zeigt er sich mit Helga Rath, der Geliebten des Kommissars? Sie ist eigentlich die Frau seines Bruders Anno war, den beide tot wähnten – bis Gereon eines Besseren belehrt wurde; ein Wissen, das er für sich behielt.

Die Antworten auf all diese Fragen sollen die zwölf neuen Folgen bringen, die von Freitag an auf Sky laufen und im Herbst im Ersten zu sehen sein werden. Denn nach dem in vier Minuten ausgebreiteten Armageddon der Großaktionäre und Kleinsparer wird die Uhr zurückgedreht – die Weltwirtschaftskrise ist noch fünf Wochen entfernt und die kleinfamiliäre Idylle trügerisch. "Wann warst Du zu Hause?", fragt Helga, die mit ihrem und Annos Sohn beim Frühstück sitzt. "Spät. Ich wollte dich nicht stören", sagt Gereon knapp. Dann geht er ins Bad und damit Helga aus dem Weg, taucht erst im Polizeipräsidium wieder auf, stolpert im Paternoster fast seiner Assistentin Charlotte Ritter in die Arme und kurz darauf in den Fall, der der dritten Staffel der weltweit gefeierten und teuersten deutschen Fernserie aller Zeiten den roten Faden liefert.

In den Babelsberger Studios ist der Star des Musicals "Dämonen der Leidenschaft" von einem herabfallenden Scheinwerfer erschlagen worden. Natürlich ist es Mord. Die Frage nach dem Motiv, die Suche nach den Tätern führt Rath dann wieder mitten hinein in das Berlin an der Zeitenwende zwischen Weimarer Republik und Machtergreifung. Doch während in den ersten beiden Staffeln Polizisten, Militärs, Politiker, Kommunisten, Nazis und Ganoven Schachfiguren auf dem Spielfeld der Geschichte waren, hin- und hergeschoben von widerstreitenden, übergeordneten Kräften, sind die weitreichenden Umwälzungen dieser Ära diesmal eher Kulisse, rücken stärker in den Hintergrund. Mehr Krimi, weniger Weltenpanorama: Die drittel Staffel der Fernsehserie "Babylon Berlin" schaltet einen Gang zurück. So jedenfalls das Zwischenstand nach sechs der zwölf Folgen, mehr gab es vorab nicht zu sehen.

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass sich das Karussell namens Berlin nun merklich langsamer dreht. Der Tanzpalast Moka Efti, Sündenbabel der ersten Staffeln und Motor der berauschten, fiebrigen Grundstimmung von "Babylon Berlin", steht unter Wasser – hier schweift erstmal keiner mehr aus. Gereon Raths Hände zittern nicht mehr, er hat seine Kriegstraumata überwunden und lässt die Finger vom Morphium. Selbst im Nachtclub "Holländer", wo sich Frauen küssen und vollbärtige Männer im Abendkleid tanzen, geht es nun seltsam gesittet zu. Die unersättliche Gier nach Leben, Leben, Leben, die "Babylon Berlin" prägte, sie scheint fürs Erste gestillt.

So frei, wie die Macher mit Volker Kutschers Romanen umgehen, die die Vorlagen für die Serie bilden, so lose ist die dritte Staffel mit den Vorgängern verwoben. Wichtigste Klammer ist das Attentat auf den Regierungsrat Benda, das nun vor Gericht verhandelt wird. Zentrale Figuren mischen weiter mit. Stars wie Martin Wuttke und Meret Becker veredeln das sowieso prominent besetzte Ensemble.

Mal sehen, ob "Babylon Berlin" in der zweiten Hälfte noch an Fahrt zulegen kann. Selbst, wenn das nicht der Fall sein sollte, so bleibt die Serie aber immer noch große Unterhaltung – und setzt, nicht zuletzt durch ihre filmische Ästhetik, und die opulente Ausstattung weiter Maßstäbe.