Dem Vergessen entgegenwirken

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mo, 22. Juli 2019

Badenweiler

Zwei Abende des Literaturforums Badenweiler widmen sich Scholem Alejchem, Zeitgenosse Tschechows und jüdischer Schriftsteller.

BADENWEILER. Der "Findling" wiegt einiges. Deswegen hat Heinz Setzer, Gründer und Organisator des Badenweiler Literaturforums, dem jiddischsprachigen Schriftsteller Scholem Alejchem (1849-1916) gleich zwei Abende reserviert. Ging es am ersten Abend um die Einordnung des Werks von Scholem Alejchem, stand im Zentrum des zweiten Abend mit Schauspieler Bernd Stief und dem "Pitangel Folk Duo" das Hauptwerk "Tewje, der Milchmann", das die Vorlage für das bekannte Musical Anatevka geliefert hat.

Der "jüdische Mark Twain" wurde als Scholem Jankew Rabinowitsch bei Kiew geboren und nahm später den hebräischen Friedensgruß als Pseudonym an, wie Setzer erläuterte. Scholem Alejchem sei nur ein Jahr älter als Tschechow, der "literarische Fundamentblock" des Literaturforums. Dessen Titel lautet: "Literarische Fundamente und Findlinge".

1910 und 1911 habe Scholem Alejchem mit seiner ganzen Familie die Kursaison in Badenweiler verbracht, nachdem er schon 1909 seine Lungentuberkulose in St. Blasien zu kurieren versucht hatte. Eine schillernde Figur, die an der Börse von Kiew ein riesiges Erbe verzockte und vor den Gläubigern vorübergehend ins Ausland fliehen musste.

1905 emigrierte er aus Odessa unter dem Eindruck der zunehmenden Pogrome. Die Zielgruppe seiner Leser waren die kleinen Händler und Bauern des "Schtetl", der Lebensform von nahezu 5 Millionen Aschkenasim, der Juden Mittel- und Osteuropas. Einer von ihnen ist jener Tewje, mit dessen Augen Scholem Alejchem die Welt um sich herum betrachtet und seine Eindrücke seinem fiktiven Freund Scholem Alejchem schildert.

Dass dieser Abend trotz aller literarischen Brillanz und blitzendem Esprit keine leichte Kost sein würde, machte das Pitangel Folk Duo schon zu Beginn mit seinen jiddischen Liedern deutlich. Man möchte sich diesen melancholischen bittersüßen Melodien und dieser weichen, verlockenden Sprache so gerne hingeben, wenn da nicht die Tragik der Texte wäre, in denen leise und scheinbar gleichmütig Unrecht, Armut und Anfeindung hingenommen würden, weil man sich nicht dagegen wehren kann. Die Mutter, die ihr Kind in den Schlaf singt, das aber vor Hunger nicht aufhören will zu weinen: Die Katze und die Puppe haben ja auch nichts gegessen heute Abend.

Dass man den authentischen Klang der Sprache Scholem Alejchems an diesem Abend auch gesprochen vernehmen konnte, war Verdienst von Shifra Kuperman, Wissenschaftlerin am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel, die tags zuvor auf dem Podium mit anderen Wissenschaftlern einen "neugierigen Blick" auf den hierzulande fast unbekannten Schriftsteller geworfen hatte. Sie zitierte aus den "Eisenbahngeschichten" einen kurzen Monolog, in dem Scholem Alejchem sinniert, was einen Schriftsteller ausmacht.

Nach der von Bernd Stief vorgetragenen deutschen Übersetzung konnte man erahnen, welche emotional vielgestaltigen Qualitäten diese Sprache besitzt, in der Scholem Alejchem die Tragödien und Komödien seiner Landsleute beschreibt. Bitterböse und lustig zugleich, arrogant und mitfühlend, spöttisch und empathisch im raschen Wechselbad. Und dann das Kapitel, in dem Tewje, der Milchmann, von seiner dritten Tochter Chava erzählt, die einen Nichtjuden liebt und mit diesem weggegangen ist.

In langen Diskursen mit ihr vor ihrem Verschwinden, dann mit seiner Frau und mit dem "Popen" versucht Tewje Halt auf einem bröckelnden Standpunkt zu finden, der sich auf die Jahrtausende alte Religion und ihre Regeln gründet und jetzt mit seiner innigen Liebe zu Chava in einen lebensverändernden Konflikt gerät. Bernd Stief gelang dieser Monolog als shakespeare-reife Riesenleistung (ohne Mikrofon), die das Publikum in einen Sog der widerstreitenden Gefühle riss. Atemlos verfolgten die Zuhörer das Drama, in dem der im Feuer seiner Seelenqualen brennende Milchmann leibhaftig am Lesepult zu stehen schien. Man wurde regelrecht in eine andere Zeit und Welt katapultiert, von der man so viel mehr erfahren wollte. Doch ihr poetisches und lebenskluges Vermächtnis und seine Bewahrer wurden von den Nazis so brutal ausradiert, dass sie bis heute nur in kleinen fragilen Exklaven überleben konnten.

"Wir werden dem Vergessen mit vereinten Lese- und Sangeskräften entgegenwirken", hatte Setzer zu Beginn des Abends versprochen und weitere "Vereinnahmungen" Scholem Alejchems für die Literaturgeschichte Badenweilers angekündigt.