Literatur

Badenweilerin hat ein Buch über Jean de La Fontaine übersetzt

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

Mi, 01. September 2021 um 17:00 Uhr

Badenweiler

Zum 400. Geburtstag von Jean de La Fontaine hat die Französischlehrerin Ursula Schüttler-Rudolph ein Buch über den Fabeldichter übersetzt. Sie findet, der Autor hat uns auch heute noch viel zu sagen.

Die Fabeln des Dichters Jean de La Fontaine kennt in Frankreich jeder. Die Geschichten von "Hase und Schildkröte" oder von "Grille und Ameise" gehören auch bei uns längst zum Kulturgut. Die Französischlehrerin Ursula Schüttler-Rudolph aus Badenweiler hat zum 400. Geburtstag des Dichters ein Buch über das Phänomen La Fontaine aus dem Französischen übersetzt, um ihn beim deutschen Publikum wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Er bläst und bläst sich immer weiter auf bis er platzt. Die Rede ist vom Frosch, der so groß sein wollte wie ein Ochse, eine Fabel des berühmten französischen Dichters Jean de La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert. Es ist eine von Ursula Schüttler-Rudolphs Lieblingsfabeln des Dichters. Wenn die Französischlehrerin aus Badenweiler sie erzählt, denkt sie an die sozialen Medien heute und lacht: "La Fontaine hat uns auch heute noch etwas zu sagen."

Originalbuch war Mitbringsel einer Freundin aus Frankreich

Schüttler-Rudolph kennt La Fontaine seit ihrer Schulzeit am Gymnasium in Sindelfingen. Und auch als Lehrerin an der Kantonsschule Küsnacht in der Schweiz steht La Fontaine bei ihr auf dem Lehrplan. Die kleinen Geschichten mit großer Moral haben es der 64-Jährigen angetan: "La Fontaine ist frech, er ist witzig, überschreitet aber nie die Grenze", sagt sie. Eine Freundin aus Château-Thierry, dem Heimatort La Fontaines, kannte Schüttler-Rudolphs Vorliebe für den Dichter und brachte ihr bei einem Besuch das Buch mit, das Schüttler-Rudolph nun zum 400. Geburtstag des Dichters für ein deutsches Publikum übersetzt hat.

"Die Idee des Buchs ist, La Fontaine in kleineren Texten wieder ins Bewusstsein der Leute zu bringen", sagt die Übersetzerin. Das Format finde sie sehr modern, wo heute niemand mehr Zeit hat zum lesen. In 182 kleineren und größeren Beiträgen wird das Phänomen La Fontain für ein breites Publikum erklärt. Ein Beitrag klärt etwa spielerisch als Rätsel über Redensarten auf, die auf Fabeln von La Fontaine zurückgehen: Wer anderen eine Grube gräbt, zum Beispiel. Ein anderer Beitrag zitiert La Fontaines Vorwort in der Erstausgabe der Fabeln, die er für den Sohn des französischen Königs Ludwig XIV. verfasst hat: "Alles spricht in meinem Werk, sogar die Fische."

Eigene lyrische Übersetzungen von La-Fontaine-Versen

Neun Monate hat Schüttler-Rudolph an dem Buch, im Original im Mai 2019 erschienen, übersetzt. Es ist die erste Übersetzung der Französischlehrerin. Entstanden sei sie während eines Sabbatjahrs, in dem sie ihrem Mann, einem Philosophie-Professor, ans Wissenschaftskolleg nach Berlin gefolgt ist. Dort habe sie jeden Tag einen Text übersetzt. Für den Beitrag "Aus dem Zettelkasten von La Fontaine" hat Schüttler-Rudolph sogar eigene lyrische Übersetzungen nach französischem Versmaß gedichtet. "La Fontaines Geschichten sind auf französisch Gedichte, viele davon sind ins Deutsche aber als Prosa übersetzt."

Auch sonst hat sie das Buch für ein deutsche Publikum angepasst und Beiträge für den hiesigen Leser ausgetauscht: etwa einen Merkspruch zu französischen Dichtern durch eine Erklärung über den Nationalcharakter der Fabeln in Frankreich; oder ein französisches Sprachrätsel durch das Zitat eines Sprachwissenschaftlers zum Charme von La Fontaines Erzählweise. Damit wandelt sie selbst ein wenig auf den Spuren des Dichters, der seine Vorlage für die Fabeln vom antiken Fabeldichter Äsop übersetzt und auf sein eigenes Umfeld angewandt hat: "La Fontaine nimmt alte Sachen, macht sie modern, und wer zwischen den Zeilen lesen kann, versteht das Augenzwinkern auf Zeitgenossen am französischen Königshof."

Im Heimatort des Dichters kommt deutsche Übersetzung gut an

Schüttler-Rudolph hat ihre Übersetzung zuerst in La Fontaines Heimat Château-Thierry vorgestellt. Eigentlich wollte sie auf der Heimfahrt aus dem Urlaub ihrer Freundin einen Gegenbesuch abstatten. Diese habe sie dann in die Buchhandlung gegenüber gebracht, wo kurzerhand eine gemeinsame Lesung mit der Autorin des Buchs, Martine Pichard, organisiert wurde und Schüttler-Rudolph 15 Exemplare ihrer übersetzten Ausgabe an Mitarbeiter einer deutschen Firma vor Ort verkauft hat. "In Château-Thierry sind sie sehr stolz darauf, dass ihr La Fontaine ins Deutsche übersetzt wurde", sagt sie.

Mit der deutschen Übersetzung war der französische Verlag des Buches übrigens so zufrieden, dass sie Schüttler-Rudolph gleich einen Folgeauftrag angeboten haben. "Das La-Fontaine-Buch ist Teil einer Reihe", so Schüttler-Rudolph, und sie solle nun auch die anderen Bände übersetzen. Für den Band über Alexandre Dumas habe sie in der Schule bereits reduziert, so die Französischlehrerin. Kommendes Jahr geht die 64-Jährige in den Ruhestand und hat dann genug Zeit für die Übersetzung des Jules-Verne-Bandes.
Martine Pichard: Jean de La Fontaine – Von Tieren und Menschen, aus dem Französischen von Ursula Schüttler-Rudolph, Olms Verlag, Hildesheim, 2021, 128 Seiten, 19,80 Euro.