Beflügelnder Borderline-Jazz

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 22. Mai 2019

Rock & Pop

Das Basler Offbeat Jazzfestival endete nach 17 Konzerttagen mit dem Auftritt von Edmar Castaneda und verbuchte 7500 Besucher.

Der Jazz war von Anfang an eine hybride Form, ein Amalgam, in dem sich afroamerikanische und europäische Musikkulturen kreuzen. Mittlerweile hat sich das Spektrum aber noch mal enorm geweitet. Das war dieser Tage auch beim Jazzfestival Basel zu sehen und vor allem zu hören. Gastspiele wie das des US-amerikanischen Schlagzeugers Marc Guiliana im Gare du Nord oder der Portugiesin Cristina Branco und ihres Quintetos mit ihrem New Fado im Volkshaus als Jazz zu etikettieren, dehnt den Begriff zwar fast ins Beliebige. Andererseits dokumentiert das eine neue Diversität, und zwar bis in die Instrumentierungen: Die Harfe als Jazz-Instrument, wie sie der in New York lebende Kolumbianer Edmar Castaneda zum Festivalabschluss vorführte, oder die Oboe als Instrument im Jazz, wie sie Tjadina Wake-Walker im Quintett der in Schweden lebenden Bassistin Eva Kruse im Volkshaus kultivierte, ebnen Unterschiede weiter ein – auch wenn Letztere nicht unbedingt zwingende Argumente für die Paarung Jazz und Oboe lieferte.

Dennoch bot das Festival, das am Montag nach 17 Veranstaltungstagen mit 26 Konzerten und insgesamt rund 7500 Besuchern endete, pulsierende, genresprengende Musik. GoGo Penguin aus Manchester war ein Beispiel dafür. Das britische Trio oszillierte in dem an dem Album "A Humdrum Star" orientierten Konzert flirrend und unberechenbar zwischen Akustischem und Elektronischem. Chris Illingworth (Piano), Nick Blacka (Bass) und Rob Turner (Drums) spannen einen Bogen von neoklassischem, romantisch angehauchtem Minimalismus über TripHop und Breakbeats bis zu Jazzphrasen. Dabei meißelt die Band gleichsam den Fluss der Zeit in Klang und animiert zu einem emotionalen Klangsurfen – eine Art Borderline-Jazz, der passagenweise an das schwedische Supertrio E.S.T. denken lässt, im nächsten Augenblick aber auch an gemäßigten Punk à la The Cure, dessen repetitiver Sog aber immer mitreißt. Wuchtige Akkorde, jazzige Piano-Anschläge, packender Drum’Bass-Groove oder polyrhythmische Passagen mit Trance-Potenzial verbinden sich zu einem hypnotischen Klangkaleidoskop, das wiederholt den Impuls stimulierte, die imaginäre Wiederholungstaste zu drücken.

Auch das Basler Trio Vein der Brüder Michael (Piano) und Florian Arbenz (Schlagzeug) sowie des Bassisten Thomas Lähns ist seit Jahren genreübergreifend unterwegs, hat Programme mit Kompositionen von Georg Gershwin oder Maurice Ravel erarbeitet. Für das neueste Projekt "Symphonic Bop" hat sich das Trio mit der Norrbotten Big Band aus dem nordschwedischen Luleå, einer Kleinstadt am bottnischen Meerbusen, zusammengetan. Darüber verschmelzen das Trio und die 13-köpfige von Joakim Milder dirigierte Big Band in durchaus vertrackten Stücken zu einem homogenen Ganzen. Das Spiel entwickelt sich zunehmend dynamisch und sprüht vor Raffinessen – angefangen von den warmen, seriellen Patterns aus der Vein-Werkstatt bis zu den schneidenden gleichsam klirrenden Bläsersets aus der nordischen Kälte.

Das beginnt mit dem Auftaktstück "Boarding the Beat", das ein spätromantisch-impressionistisches Flair und den Hauch Neuer Musik à la Strawinsky verströmt, über das schräge, bluesige an Tom Waits erinnernde "Willi’s Pool" bis zum groovig treibenden "Groove Conductor". Das springt zwischen sanften Nuancen und satten Bläsersets, mischt Arrangement und Improvisation – von Arbenz’ Piano-Etüden über Håkan Broströms expressives Sopransaxofonsolo im Eröffnungsstück bis zu Dan Johansons per Harmonizer aufgepepptem Trompetensolo in "Groove Conductor" sind das Grenzüberschreitungen der angenehmen Art – ein Konzert, das tatsächlich beflügelt.

Wieder andere Facetten betonen Eva Kruse und ihr Quintett, ein um Saxofon und Oboe erweitertes Klaviertrio, mit dem nach der gleichnamigen CD "On the Mo" betitelten Programm. Das lyrische, unüberhörbar an skandinavischen Vorbildern orientierte Repertoire mäandert zwischen rhythmisch-perkussiven und melodisch-feinen Passagen zwischen treibendem Bass, leicht ruppigen Beats, harmonischem Bläserspiel und Uwe Steinmetz’ expressiven Ausbrüchen an den Saxofonen. Die eher verhaltene Oboe dagegen weckt auch Wünsche nach dem Brodeln und der Glut der Great Black Musik. Bei allen genreübergreifenden Trends bleibt das ein Maßstab im Jazz. Auch das hat das Festival bewusst oder unbewusst erneut unterstrichen.