Glosse

Bei Blickkontakten gehen die Uhren langsamer – was das bedeutet

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Mi, 12. Mai 2021 um 13:29 Uhr

Unterm Strich

Forscher aus Genf haben herausgefunden, dass Menschen bei Blickkontakten ihr Zeitgefühl verloren geht. Das wirft ein Problem auf. Doch zum Glück sollte es dem Gegenüber ja genauso gehen. . .

"Ich seh Dir in die Augen, Kleines", sagt Humphrey Bogart als Rick im Kinoklassiker "Casablanca" zu Ilsa (Ingrid Bergman). Daraufhin dürften die beiden ihr Zeitgefühl verloren haben, geht es nach den Erkenntnissen, die jetzt Psychologen der Universität Genf in der Fachzeitschrift Cognition veröffentlicht haben. Und nicht nur sie. Wenn Menschen sich gegenseitig in die Augen schauen, gehen für sie die Uhren langsamer, sie schätzen hinterher die Dauer des Blickkontakts als weitaus kürzer ein, als er war, haben die Wissenschaftler herausgefunden.

Wollte uns das schon der Leimener Tennis-Philosoph und Goethe-Exeget Boris Becker vermitteln, als er seine erste Autobiografie "Augenblick, verweile doch. . ." taufte? Es ist allemal eine schöne Nachricht. Sind doch die Augen das "Fenster zur Seele", wie es als Weisheit der Universalgelehrten Hildegard von Bingen schon aus dem 12. Jahrhundert überliefert ist. Wer schaut nicht gerne ein bisschen länger durchs Fenster, wenn drinnen eine Seele zu sehen ist?

Nun, es gibt ein Problem. Niemand weiß das besser als die Online-Partnervermittlung Elite-Partner. Nach 3,2 Sekunden muss Schluss mit Blickkontakt sein, heißt es (nicht nur) von dort. Sonst droht laut Forschung Unbehagen beim Gegenüber. Was tun? Vielleicht mitzählen. So, wie man die Nähe eines Gewitters nach einem Blitz ermittelt: 21, 22, 23 … Aber lautlos, jeder Ton könnte dem ungetrübten Blick ins Seelenfenster abträglich sein. Andererseits: Wenn stimmt, was die Wissenschaftler sagen, geht es auch dem Gegenüber so, auch ihr/ihm geht ja das Zeitgefühl verloren . . .

Diese Betrachtung soll nicht enden, ohne darauf hinzuweisen, dass Humphrey Bogarts eingangs zitierter Satz aus der deutschen Fassung von "Casablanca" eine krasse Fehlübersetzung ist. Im Original lautet er nämlich "Here’s looking at you, kid!" – und ist ein Trinkspruch. Die beiden stoßen dann auch an. "Ich trinke auf dein Wohl, Kleines!", wäre eine weitaus bessere Übersetzung gewesen. Prost!