USA

Beto O’Rourke: Der Mann, der an Barack Obama erinnert

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Do, 14. März 2019 um 21:40 Uhr

Ausland

Beto O’Rourke aus Texas will für die Demokraten für das Amt des US-Präsidenten kandidieren. Er verbindet Charisma mit Pragmatismus.

WASHINGTON. Es ist für einen kantigen Mann wie Beto O’Rourke eine erstaunlich heimelige Kulisse. Wohnzimmeratmosphäre, Plüschkissen, alte Möbel. Neben seiner Frau Amy sitzt er auf einem Sofa, doch die biedere Kulisse steht in auffallendem Kontrast zu seinen dramatischen Worten. Die Herausforderungen – eine Krise der Wirtschaft, der Demokratie und des Klimas – seien nie größer gewesen als heute, sagt der schlaksige Politiker. "Entweder verzehren sie uns, oder sie geben uns die bisher beste Chance, das Genie der Vereinigten Staaten von Amerika zu entfesseln."

Mit der Videobotschaft aus dem Wohnzimmer stoppt O’Rourke ein Karussell der Spekulationen, das sich seit November mit vollem Schwung dreht. Seit er im konservativen Texas zwar eine Senatswahl verlor, aber doch deutlich knapper, als man es bei einem Demokraten für möglich gehalten hatte, wollten seine Anhänger wissen, ob er sich denn nun fürs Oval Office bewerbe. Die Frage hat er am Donnerstag mit Ja beantwortet. Und doch ließ O’Rourke durchblicken, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen war. Neulich saß er anlässlich der Premiere eines Dokumentarfilms in einem Kinosaal. Der Streifen handelte davon, was es für seine Familie bedeutete, dass er fast zwei Jahre abwesend war, fast ununterbrochen auf Wahlkampftour in den Weiten des Bundesstaats Texas. O’Rourke hat drei Kinder, acht, zehn und zwölf Jahre alt. Ihren Vater werden sie auf absehbare Zeit kaum zu Gesicht bekommen, und falls er die Vorwahlen der Demokraten gewinnt, dauert der Ausnahmezustand bis November 2020. Es erinnert an Barack Obama, den umjubelten Senkrechtstarter, und dessen Töchter. Und noch etwas lässt an Obama denken: ein ausgeprägtes Redetalent. O’Rourke ist in der Lage, aus dem Stegreif druckreife, bisweilen poetische Sätze zu drechseln. Sein Thema ist der Charakter Amerikas, das Selbstverständnis einer Einwanderernation, die sich eben nicht durch eine Mauer abschotten dürfe. Zudem vermittelt er das Gefühl, Brücken über politische Gräben bauen zu können. Ein frisches Gesicht. Aufbruchsstimmung. Kein Wunder, dass manche den 46-Jährigen schon jetzt den weißen Obama nennen.

Das Kandidatenfeld der Demokraten ist mit ihm so gut wie komplett. Über ein Dutzend Bewerber gibt es bereits. Mit Joe Biden, dem ehemaligen Vizepräsidenten, könnte noch ein Aussichtsreicher hinzukommen, aber das dürfte es dann auch gewesen sein. O’Rourke gehört auf Anhieb zum Kreis der Favoriten – nicht nur wegen seines Charismas. Er versteht sich aufs Spendensammeln – eine Voraussetzung für den teuren Wahlkampf. Und er kommt bei den Wählern an, für die der Kandidatenpulk zu weit nach links gedriftet ist. Forderungen wie jene nach einer staatlichen Einheitskrankenkasse oder einer Vermögenssteuer trägt er nicht mit. O’Rourke verlangt ein Verbot des Verkaufs von Schnellfeuergewehren, einen staatlich garantierten Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde und eine Einwanderungsreform, die illegal in den USA lebenden Migranten einen Weg in die Legalität ebnen soll, hin zur Einbürgerung. Für Texaner auf dem flachen Land mag sich das radikal anhören, anderswo ist dies linksliberaler Pragmatismus.

Im Wahlkampf hat er sämtliche 254 Countys des "Lone Star State" mindestens einmal besucht. Man könne zu jedem einen Draht finden, wie bei einem Rockkonzert vor anfangs skeptischem Publikum, betonte der Sohn eines Richters, der einst in einer Band Punkrock spielte. Aufgewachsen ist er in El Paso, dort gründete er eine IT-Firma. 2005 wurde er in die Gemeindeverwaltung gewählt, 2012 ins amerikanische Repräsentantenhaus.