Baden-Württemberg

Landesbehörde korrigiert Bevölkerungsprognose nach oben – was bedeutet das für Dietenbach?

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Mo, 18. Februar 2019 um 11:48 Uhr

Freiburg

Baden-Württembergs Bevölkerung soll bis 2035 stärker wachsen. Das Statistische Landesamt hat seine bisherige Prognose korrigiert. Was bedeutet das für den geplanten Freiburger Stadtteil Dietenbach?

Das Statistische Landesamt hat in der vergangenen Woche eine neue Prognose zur Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg veröffentlicht. Danach steigt die Zahl der Einwohner stärker und länger als bislang hochgerechnet. Rüdiger Engel von der Projektgruppe Dietenbach wundert sich nicht über die neuesten Zahlen aus Stuttgart. Sie bestätigten den von der Stadt angenommenen Bevölkerungszuwachs und den erwarteten Wohnraumbedarf. Die Initiative "Rettet Dietenbach", die mit der bisherigen Prognose des Landesamts argumentierte, spricht von "bescheidenen Anstiegen".

Wie viel Wohnraum wird gebraucht?

Das Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahren ist für die Dietenbach-Frage wichtig. Denn davon hängt die Antwort ab, wie viele Wohnungen mutmaßlich benötigt werden. Zwischen den Vorhersagen der städtischen und der Landesstatistiker klaffte eine große Lücke. Die Stadt geht von einem kontinuierlichen Wachstum und 245 000 Einwohnerinnen und Einwohnern bis zum Jahr 2030 aus. Das ist die mittlere von drei Varianten und die Basis für die Annahme, dass Freiburg bis dahin 15 000 zusätzliche Wohnungen benötige. Das Landesamt hingegen rechnete in seiner mittleren Variante auf der Datenbasis von 2014 eine stagnierende Einwohnerzahl vom Jahr 2022 hoch: bei gut 235 000 Einwohnern.

Die Initiative "Rettet Dietenbach" ermittelte mit den bisherigen Zahlen des Landesamts einen deutlich niedrigeren Bedarf an Wohnraum: 7000 – und die seien mit Innenentwicklung zu realisieren. Sie wirft dem Rathaus vor, "einen Stadtteil herbeizurechnen".

Nun hat das Statistische Landesamt seine Prognose nach oben korrigiert. Die mittlere Variante sieht laut Pressemitteilung vor, dass die Einwohnerzahl Baden-Württembergs von 2017 bis 2035 weiter ansteigt: um 340 000 auf 11,36 Millionen Menschen. Das ist fast eine Viertelmillion mehr als in der bisherigen Prognose fürs Jahr 2035 erwartet. Was das für die einzelnen Städte bedeutet, ist noch nicht bekannt. Das Landesamt kündigt die Ergebnisse für Ende März an.

Zwei Grundannahmen waren für die neue Einschätzung entscheidend, sagt Werner Brachat-Schwarz, Leiter des Referats "Bevölkerung, Gesundheit, Rechtspflege, Insolvenzen" im Landesamt. Zum einen eine höhere Geburtenrate – sowohl bei deutschen als auch ausländischen Frauen –, und zum anderen werde die Zuwanderung weniger schnell zurückgehen.

Freiburg gehört zu den dynamischsten Städten im Land

Die Folgen für Freiburg kann Werner Brachat-Schwarz daraus noch nicht ablesen. Die Stadt habe in Baden-Württemberg immer zu den dynamischsten gehört. Der Zuzug in die Städte sei getragen von jungen Erwachsenen, also Studierenden und Auszubildenden. Doch der Trend sei am Kippen, sagt Brachat-Schwarz. Grund: fehlender Wohnraum und hohe Mieten. Die Schwarmstädte könnten an Attraktivität verlieren. Insbesondere in Freiburg und in Karlsruhe habe sich der Wanderungsgewinn zwischen 2013 und 2016 gegenüber den Jahren 2010 bis 2012 schwächer als im Durchschnitt der Großstädte entwickelt. Beide Städte hatten im Jahr 2016 laut Landesamt die schlechteste Wohnraumversorgung.

Wie sich all diese Entwicklungen tatsächlich auswirken, ist statistisch kaum zu erfassen: "Da müssten wir Hellseher sein", sagt Werner Brachat-Schwarz. Allerdings, sagt er, hätten die Prognosen der Kommunen wie Freiburg und Stuttgart eine stärkere Aussagekraft, weil sie lokale Ereignisse berücksichtigten. Das sei vom Landesamt nicht zu leisten.

In der Debatte um den geplanten Stadtteil sieht sich Rüdiger Engel von der städtischen Projektgruppe bestätigt. Er zieht den Schluss, "dass sich die Wanderungsbewegung nach Baden-Württemberg auch in einer Wanderungsbewegung in die Region Freiburg fortsetzt". Ob sich das in der Stadt oder im Umland niederschlage, hänge maßgeblich vom Wohnraum und den Preisen ab.

Georg Löser vom Regiobündnis, der für die Initiative "Rettet Dietenbach" die Zahlen anschaute, lässt sich von der neuen Hochrechnung nicht beeindrucken: "Das ist alles ziemlich abhängig von Annahmen." Das sei auf so lange Sicht immer ein Problem.

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