Wissenschaft

Die Hummel ist dabei, aus dem Süden zu verschwinden

Michael Brendler

Von Michael Brendler

Sa, 08. August 2015 um 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Vom Sterben der Bienen ist viel die Rede – doch den Hummeln geht es viel schlechter. Schuld daran ist unter anderem die verarmte Speisekarte durch die Eintönigkeit der modernen Landwirtschaft.

Die Hummel ist schwer zu ersetzen. Das mussten vor 150 Jahren erstmals die europäischen Einwanderer in Neuseeland feststellen. Nicht nur, dass sie die putzigen, pelzigen Brummer auf ihren Wiesen vergeblich suchten. Auch der bei Vieh und Pferd so beliebte Rotklee wollte ohne Hummeln nicht gedeihen. Die Bienen zeigten kein Interesse an den Pflanzen. Denn ihre Rüssel sind kürzer als die der Hummeln, sodass sie nicht am Nektar tief im Inneren der Blüte naschen können. 1875, berichtet der britische Insektenforscher Dave Goulson in seiner kleinen Hummelkunde "Und sie fliegt doch", ließen sich die Bauern deshalb zwei Schiffsladungen Hummelköniginnen aus der alten Heimat kommen – und das Problem war behoben.

Auch die niederländischen Tomatenzüchter möchten die Hummeln nicht missen. Schließlich nehmen die ihnen eine ungeliebte Arbeit ab: Bis Mitte der 1980er Jahre mussten sie ihre Pflanzen im Gewächshaus selbst per Hand bestäuben. 1985 stellte der belgische Veterinär Roland De Jonghe fest: Auch die Hummeln kennen den entscheidenden Trick. Tomaten setzen wie Paprika auf die sogenannte Vibrationsbestäubung. Bei leichten Erschütterungen fallen die Pollen auf die Narbe. Hummeln helfen dabei nach, indem sie sich an die Staubbeutel klammern und ihre Flugmuskeln arbeiten lassen, Honigbienen können das nicht. Heute werden deshalb allein in Europa eine Million Hummelvölker gezüchtet und in die Treibhäuser der Welt verkauft – auch Erdbeer-, Blaubeer- und Apfelproduzenten setzen oft auf die billigen Helfer.

Hummeln weichen der

Erwärmung nicht aus

Sollte Jeremy T. Kerr von der kanadischen Universität Ottawa recht haben, könnte die Nachfrage noch steigen. Denn inzwischen droht auch auf Europas und Nordamerikas Wiesen, so hat der Wissenschaftler gerade in der Fachzeitung Science berichtet, akuter Hummelmangel. Weil das Klima immer wärmer und das Wetter immer unberechenbarer wird, wird es für die freilebenden Tiere eng; in einem 300 Kilometer breiten Streifen im Süden sind die meisten Hummelarten schon nicht mehr anzutreffen. Andere Tiere sind im Zug der Klimaerwärmung in nördlichere und kältere Gebiete ausgewandert. Die Hummeln allerdings nicht. Sie seien im Süden einfach verschwunden, so der Wissenschaftler.

Es ist nicht so, dass die Tiere nicht schon vorher Anlass zur Sorge geboten hätten. Es ist viel vom Bienensterben die Rede. Bei den Hummeln sei die Situation aber noch viel dramatischer, meint der Bienenforscher Jürgen Tautz vom Biozentrum der Universität Würzburg. "Bei manchen Arten geht es um alles oder nichts." Einige der weltweit bekannten 250 Arten – etwa 30 gibt es in Deutschland – seien inzwischen in weiten Landstrichen nicht mehr anzutreffen.

Die Gründe dafür sind überall ähnlich: Zunächst einmal wäre da die verarmte Speisekarte durch die Eintönigkeit der modernen Landwirtschaft. Der deutschen Waldhummel und der Veränderlichen Hummel fehlen zunehmend ihre Lieblingslieferanten für Pollen und Nektar wie Rotklee, Ackerbohne und Luzerne. Andere bedrohte Arten wie die Wiesen- oder die Ackerhummel vermissen ungemähte Weiden oder Mäuselöcher, Maulwurfshügel und Spalten auf ungepflügten Flächen, um dort ihre Nester zu bauen. "Weiter dramatisiert wird die Situation durch Parasiten und Krankheiten, denen die geschwächten Tieren leichter zum Opfer fallen", erklärt Tautz. "Und schließlich spielen auch Pestizide und andere Insektizide sicherlich eine Rolle", so Tautz. Gerade die Hummeln sind besonders sensibel. Als Wissenschaftler kürzlich das Genom der europäischen Erdhummel entschlüsselten, staunten sie, wie klein ihr Repertoire an Immungenen ist. Selbst die Fliege hat doppelt so viele wie die gestreiften Brummer. Auch die Erbgut-Abschnitte, die die Entgiftung des Körpers regeln, sind bei der Hummel knapp bemessen.

Zudem verlangt auch der eigene Lebensstil dem Tier einiges ab: Kaum aus dem Winterschlaf erwacht, muss sich die ausgehungerte Jungkönigin im Frühjahr ganz allein daran machen, ein Volk zu gründen. Sie sucht selbst einen Unterschlupf, bastelt aus Federn, Haaren oder anderem Dämmmaterial eine flauschige Kugel und brütet die ersten Untertanen aus. Nur eine von zehn Kandidatinnen bewältigt das erfolgreich. Mit höchstens 600 Mitgliedern ist ihr Volk mickrig im Vergleich zum 50 000-Bewohner-Staat der Honigbienen. Und dann lässt noch die Disziplin im Bau zu wünschen übrig: Wenn die Hummelherrscherin im Sommer die Eier legt, aus denen die Drohnen und die Jungköniginnen schlüpfen, beginnt auch manche Arbeiterin männlichen Nachwuchs zu zeugen – manchmal kostet diese Palastrevolte die Staatsgründerin sogar das Leben. "Evolutionsbiologisch gesehen wandelt die Hummel sehr an der Klippe; man möchte keine Hummel sein", sagt Paul Schmid-Hempel vom Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich, der das Hummelgenom mit entziffert hat. Um sich gegen den übermächtigen Konkurrenten Honigbiene zu behaupten, habe sich die Hummel spezialisiert, so der Forscher. Zum einen über den langen Rüssel, zum anderen über die Zeiten, zu denen sie sammelt: Hummeln sind schon früh im Jahr unterwegs, auch zur Morgen- und Abendzeit und sogar bei Regen. Bienen ist es dann zu kühl. Die Hummel dagegen friert selbst auf mehr als 5000 Metern Höhe nicht – mit 200 Flügelschlägen pro Sekunde erzeugt sie selbst Wärme. All das kostet aber Energie.

Für längere Hungerphasen ist die Hummel nicht gemacht. Auswanderern würden die Nahrungswüsten in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten deshalb schnell zum Verhängnis, meint der Agrarökologe Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Diese begrenzte Mobilität erklärt ihm zufolge die erschreckenden Ergebnisse der Science-Autoren. Dafür spricht auch, dass es selbst unter Hummeln Gewinner gibt. Die dunkle Erdhummel breitet sich in Südamerika aus. Sie hat ihr Spezialistentum in Teilen aufgegeben: Wenn sie den Nektar einer Pflanze auf herkömmlichem Wege nicht erreicht, knabbert sie sich einfach von unten zur Köstlichkeit durch.