Biomethanbranche vor dem Absturz

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Sa, 13. Juni 2020

Wirtschaft

Auch die Anlage der Badenova in Forchheim ist nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben / Der Netzbonus fällt weg .

Die Biomethanbranche in Deutschland steckt in einer Krise, ausgelöst durch die Energiepolitik. Betroffen davon ist auch die Badenova mit ihren Anlagen in Forchheim und Eschbach (Gewerbepark Breisgau). Die Anlage in Forchheim sei durch die veränderten Rahmenbedingungen inzwischen unwirtschaftlich, so der kommunale Energieversorger.

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Die Entwicklung betrifft ganz Deutschland. Wie aus dem neuesten Branchenbarometer der Deutschen Energieagentur (Dena) hervorgeht, war im Jahr 2019 die erzeugte Gasmenge erstmals geringer als im Jahr zuvor. Aktuell gibt es in Deutschland 219 Anlagen, die Biogas auf Erdgasqualität aufbereiten, um dieses ins Erdgasnetz einzuspeisen oder als Treibstoff anzubieten, 19 davon stehen in Baden-Württemberg, zwei in Südbaden – eben jene der Badenova.

Jahrelang ging es stets bergauf mit der Biomethanerzeugung, seit im Jahr 2006 im bayerischen Pliening erstmals eine Biogasanlage ihr aufbereitetes Gas ins Erdgasnetz speiste. Die erste Anlage in Baden-Württemberg folgte im Jahr darauf, gebaut von den Stadtwerken Mühlacker. Besonders in den Jahren 2011 bis 2014 boomte die Branche.

Doch nun ist der Höhepunkt überschritten. Die Anlagen produzierten 2019 rund drei Prozent weniger Gas als im Vorjahr, weil einige vorübergehend den Betrieb einstellten oder die Produktion reduzierten. Die beiden Einspeiseanlagen der Badenova erzeugten im Jahr 2019 rund 89 Millionen Kilowattstunden – nach 94 Millionen im Vorjahr. Die Badenova begründet diesen Rückgang allerdings noch mit der schlechteren Ernte aufgrund des trockenen Sommers.

Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 9,8 Milliarden Kilowattstunden Biomethan erzeugt, entsprechend etwa einem Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs. Das Potenzial an "nachhaltig nutzbarer Biomasse für den Ausbau der Biomethanerzeugung" liege in Deutschland bei etwa 100 Milliarden Kilowattstunden, schätzt die Dena. Dieses Potenzial zu erschließen, lohnt sich heute nicht mehr – aus mehreren Gründen. Zum einen wurden die Biogasanlagen mit immer neuen Auflagen konfrontiert, etwa was die Beschaffenheit der Fermenter betrifft, in denen das Gas unter Luftabschluss durch Vergärung entsteht.

Viel entscheidender jedoch sind die Änderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen. Im Jahr 2008 hatte der Gesetzgeber noch entschieden, dass Erzeuger für ihr Biogas, das sie ins Erdgasnetz speisen, einen Bonus in Höhe von 0,7 Cent je Kilowattstunde bekommen, und zwar, weil das dezentral erzeugte Gas Netzkosten vermeidet. Ökonomisch gesehen ist dieser Gedanke sachgerecht: Das eingespeiste Biomethan wird stets in räumlicher Nähe verbraucht, es muss also nicht über Fernleitungen transportiert werden. Diese Unabhängigkeit von den vorgelagerten Netzen wurde dem Erzeuger honoriert. Doch im Jahr 2010 befristete der Gesetzgeber diesen Bonus auf zehn Betriebsjahre einer jeden Anlage, obwohl der Vorteil für das Netz auch danach fortbesteht.

Diese Neuregelung kam auch der Badenova in die Quere. "Seit unseren Entscheidungen zum Bau der Anlagen haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen massiv verschlechtert", sagt Klaus Preiser, Geschäftsführer der Badenova-Tochter Wärmeplus. Die Politik habe der Biomethanwirtschaft "den Stecker gezogen". Allein für Badenova ergeben sich aus der Veränderung bei den Netzentgelten mehr als 600 000 Euro Mindereinnahmen pro Jahr.

Als Badenova 2009 mit dem Kauf der ersten Biogasanlage in Neuried in das Metier einstieg, benannte sie als Ziel fünf Anlagen, die in der Summe 200 Millionen Kilowattstunden im Jahr erzeugen sollten. 50 Millionen Euro wollte das Unternehmen investieren. Doch es blieb bei drei Biogasanlagen, von denen nur zwei das Gas zu Biomethan aufbereiten und einspeisen. Die Großanlage in Neuried verstromt das Biogas direkt vor Ort.

Neuanlagen seien längst nicht mehr denkbar, heißt es nun bei dem südbadischen Versorger. Und selbst Bestandsanlagen gerieten ökonomisch in Schieflage. Man habe den buchhalterischen Wert der Gasaufbereitung in Forchheim bereits als Sonderabschreibung komplett auf Null reduziert, und es stehe aufgrund des Wegfalls der Vergütung für vermiedene Netznutzungsentgelte der Weiterbetrieb auf dem Prüfstand. In Eschbach ist die Situation günstiger, weil dort zu einem großen Teil Reststoffe wie Trester, Pferdemist und andere biogene Abfälle verwertet werden. Forchheim nutzt fast nur Anbaubiomasse, vor allem Mais.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Nachfrage nach Biomethan künftig abnehmen wird aufgrund einer Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) von 2014. Seither sind neue Blockheizkraftwerke mit Biomethan kaum mehr wirtschaftlich zu betreiben. Fallen nun in einigen Jahren die ersten Altanlagen aus der 20-jährigen Einspeisevergütung, könnte es passieren, dass der Absatz für Biomethan so weit einbricht, dass Gaserzeuger dieses als schlichtes Erdgas ohne Mehrerlös verkaufen müssen – eine Rechnung, die nicht aufgehen kann, zumal angesichts der zuletzt auch noch gesunkenen Erdgaspreise.

Die Dena warnt bereits: Bis Ende 2020 werde jede vierte der heutigen Anlagen keine Entgelte für vermiedene Netzkosten mehr erhalten – dabei sind diese oft entscheidend für die Wirtschaftlichkeit. Es sei in der Folge davon auszugehen, dass "spätestens im Jahr 2027 ein Großteil der heute noch im Betrieb befindlichen Biomethaneinspeiseanlagen außer Betrieb gegangen sein wird, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verbessern".
Nachtrag (16.Juni): Die wirtschaftlichen Probleme der Biomethanaufbereitung haben einige Leser zu der Interpretation veranlasst, die Biogaserzeugung an sich sei unwirtschaftlich. Das ist jedoch bei den genannten Projekten keineswegs der Fall. Speziell anhand der Anlage in Forchheim lässt sich das gut zeigen. Dort erzeugt ein landwirtschaftlicher Betrieb Rohbiogas, das er anschließend an Badenova verkauft. Der Energieversorger veredelt das Gas in einer eigenen Anlage auf Erdgasqualität. Diese Apparatur steht unmittelbar neben der Biogasanlage. Wirtschaftliche Probleme hat nun einzig und allein diese Aufbereitungsanlage. Sollte Badenova die Veredelung des Gases einstellen, hätte der Landwirt noch immer die Option, das Rohbiogas zu verstromen und die Biogasanlage durch den Stromverkauf nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz rentabel und langfristig gesichert zu betreiben. Die Biogasanlage ist also von der Aufbereitung wirtschaftlich nicht abhängig.