Kampf gegen Corona

Bis zu 100.000 Impfungen am Tag sollen möglich sein

Finn Mayer-Kuckuk und dpa

Von Finn Mayer-Kuckuk & dpa

Di, 24. November 2020 um 08:22 Uhr

Deutschland

Die Infrastruktur steht schon bald: Die Corona-Impfzentren – wie etwa in Freiburg – stehen ab Dezember bereit. Zu den Herausforderungen zählt die Kühlung.

Ein dritter Impfstoffkandidat gegen den Erreger Sars-CoV-2 hat seine Wirksamkeit bewiesen. Am Montag meldeten die Universität Oxford und der britische Pharmahersteller Astra-Zeneca aus laufenden Studien eine Effektivität von 70 Prozent für ihren gemeinsam entwickelten Wirkstoff. Bei Verabreichung einer halben und einer ganzen Dosis im Abstand von einem Monat seien es 90 Prozent. "Damit kommen wir dem Ziel näher, ihn kostengünstig der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen", teilte die Universität mit. Bis Ende 2021 sollen drei Milliarden Impfdosen hergestellt und ausgeliefert werden.

Zuvor hatten der deutsche Hersteller Biontech und sein US-Konkurrent Moderna für ihre Impfstoffe Wirksamkeitsraten um 95 Prozent vermeldet. Alle drei führenden Anbieter hoffen nun auf eine rasche Marktzulassung durch die Behörden – möglichst noch in diesem Jahr. Biontech hat die endgültige Testphase bereits abgeschlossen und liegt damit etwas vor den Wettbewerbern.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte an, schon bis Mitte Dezember Impfzentren einrichten zu lassen. Das heiße nicht unbedingt, dass die Verabreichung des Impfstoffs dann starte, betonte Spahn in Dessau-Roßlau beim Besuch des Impfstoffherstellers IDT Biologika, der auch an einem Impfstoff gegen das Coronavirus arbeitet. "Wir wollen aber auf alle Fälle vorbereitet sein."

"Es kann aber auch sein, dass wir erst im Februar die Zulassung haben." Jens Spahn
Die Daten aus den Studien sähen gut aus, sagte Spahn. "Das schätzen die amerikanischen und europäischen Behörden gleichermaßen so ein." Falls es schon im Dezember eine Zulassung in der EU gebe, müsse auch die Infrastruktur da sein, um mit dem Impfen beginnen zu können. "Es kann aber auch sein, dass wir erst im Februar die Zulassung haben", so Spahn. Bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA läuft seit Anfang Oktober der Zulassungsprozess für den Biontech-Wirkstoff. Experten sehen keinen Grund, die Zulassung zu verweigern. Die US-Arzneimittelaufsicht FDA will am 10. Dezember über eine vorläufige Zulassung entscheiden.

Biontech liegt in den Zulassungsverfahren zwar etwas vorn, doch die Universität Oxford verweist auf die praktischen Vorteile ihres Kandidaten im Vergleich zu den anderen Spitzenreitern. "Der Oxford-Impfstoff könnte bei Kühlschranktemperatur gelagert und entlang der bestehenden Infrastruktur ausgeliefert werden", teilte die Uni am Montag mit. Die Wirkstoffe von Biontech und Moderna auf Basis der neuen mRNA-Technik können nur bei tiefen Minustemperaturen aufbewahrt werden. Sie eignen sich damit nicht für die Verteilung über Arztpraxen. Während die Substanz von Biontech nur bei minus 70 Grad stabil bleibt, reichen für Konkurrent Moderna minus 20 Grad.

Spahn sieht bei der Notwendigkeit zur Tiefkühlung das größte Problem des deutschen Produkts. "Wir machen jetzt den Plan mit den Impfzentren, weil der erste Impfstoff nun einmal nicht ausreichend vorhanden sein wird und so aufwändig gekühlt werden muss." Sobald es eine Alternative gebe, die sich über die Arztpraxen verteilen lasse, sei das der bessere Weg.

RKI: Bis zu 100.000 Impfungen am Tag sollen möglich sein

In den Zentren könnten nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts bis zu 100.000 Menschen pro Tag geimpft werden. Grundsätzlich lassen sich damit alle Risikogruppen – je nach deren Definition – in acht Monaten durchimpfen. Es könnte jedoch auch schneller gehen, wenn der Oxford-Impfstoff und andere haltbarere Varianten nach und nach in den normalen Arztpraxen verfügbar werden.

Auch eine Wirksamkeit von 70 Prozent wäre laut Experten ausreichend, um die Pandemie zu bekämpfen. Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Arzneizulassung zuständig ist, sieht sogar einen Nutzen bei Impfstoffen, die nur 50 Prozent der Erkrankungen verhindern.

Um die Wirksamkeit eines Impfstoffs zu kalkulieren, arbeiten Experten mit zwei Test-Gruppen. Die Wirkstoffgruppe bekommt den Impfstoff, die Kontrollgruppen ein Placebo. "Hat man zum Beispiel nach drei Monaten 100 Covid-19-Fälle in der Kontrollgruppe und 50 Fälle in der Wirkstoffgruppe, hat dieser Impfstoff eine Wirksamkeit von 50 Prozent", erläutert Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen.

Daneben können die Forscher in klinischen Studien weitere Parameter erfassen – zum Beispiel, wie schwer eine Erkrankung verläuft, wie viele Todesfälle bei Geimpften und bei Nicht-Geimpften auftreten oder wie lange es in beiden Gruppen bis zur Genesung dauert. Auch nach einer Zulassung laufen die Studien weiter, um mehr über die Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen zu erfahren.

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