Bolivien stehen unruhige Zeiten ins Haus

Sandra Weiss

Von Sandra Weiss

Sa, 17. Oktober 2020

Ausland

Der Kampf um das Präsidentenamt in dem Andenstaat wird mit harten Bandagen ausgetragen / Sozialisten drängen an die Macht zurück.

. Einmal wurde ihr Haus angezündet, zweimal musste Brenda Segovia ihr Wahlkampfbüro verlegen, einmal wurde sie festgenommen. Der Kampf um das Amt des neuen Staatsoberhauptes und die Abgeordnetenmandate im Kongress wird in Bolivien derzeit nicht nur mit Worten, sondern mit Baseballschlägern und Steinen ausgefochten. Auf Seiten der bürgerlichen Opposition wie auf jener der linken Bewegung zum Sozialismus (MAS), für die Segovia kandidiert. "Sie wollen uns fertig machen, aber so leicht geben wir nicht auf", sagt die kräftige Frau mit dem streng nach hinten gekämmten Pferdeschwanz. Segovia ist sich sicher: "Wir werden in meinem Wahlkreis 70 Prozent holen."

Ihr neues Büro ist ein enger Verschlag, in dem sich die Hitze staut, eingeklemmt zwischen einem Warenlager und einem Baustoffhandel im Arbeiterviertel Plan 3000 an der Peripherie von Santa Cruz. Das Viertel ist eine Hochburg der MAS im Herzen der Wirtschaftsmetropole Boliviens, die mehrheitlich der Opposition nahesteht. In Santa Cruz und dem Umland werden 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Boliviens erwirtschaftet, vor allem mit Gas und Agroexporten. Die "cambas", wie sich die Tieflandbewohner nennen, sind wohlhabender als die Bewohner im indigenen Hochland – und sie stehen politisch weit rechts von der MAS.

Neuerdings hängen an den Straßenlaternen im Plan 3000 neuerdings neben den blauen Wahlplakaten Segovias auch orangene. Sie gehören dem Busfahrer Erwin Villalba. Früher ein MAS-Aktivist tritt er nun für die Bürgergemeinschaft an, ein von der Zivilgesellschaft getragenes Wahlbündnis. "Die MAS stand mal auf der Seite des Volkes, aber das ist lange her", klagt Villalba. "Sie wurde von mafiösen Opportunisten unterwandert, die sich selbst bereichern, während wir hier im Plan 3000 noch immer kein Krankenhaus, keine Universität und nur wenig asphaltierte Straßen haben."

Die MAS will zurück an die Macht, die sie vor einem Jahr verloren hat. Vorausgegangen war die verfassungswidrige dritte Kandidatur von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten des Andenlandes, der es vom einfachen Kokabauern auf den Präsidentensessel geschafft hatte. Morales ignorierte zudem das Ergebnis einer Volksabstimmung gegen seine Wiederwahl, es kam zu Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen, bürgerkriegsähnlichen Unruhen, einem Ultimatum des Militärs. Die eingesetzte rechte Interimsregierung kappte Sozialprogramme, verstrickte sich in Korruptionsskandale, versagte in der Coronapandemie. Interimspräsidentin Jeanine Anez klammert sich an die Macht, sie verschob den Wahltermin mehrfach und rief sich zuletzt selbst zur Kandidatin aus.

Die MAS schickt auf Betreiben von Morales nun Luis Arce ins Rennen, seinen langjährigen Wirtschaftsminister und Vater des staatskapitalistischen Wirtschaftsmodells, das dem Land in den vergangenen 14 Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 4,5 Prozent pro Jahr bescherte. Die indigene Unterschicht erlebte einen Aufstieg, die Armut halbierte sich fast auf nunmehr 36 Prozent. An diese Erfolgsgeschichte, die stark an die hohen Rohstoffpreise gebunden ist, möchte die MAS anknüpfen. "Die Diversifizierung der Wirtschaft und die Industrialisierung unserer Bodenschätze muss noch weiter vorangetrieben werden", sagt Arce.

Sein Hauptwidersacher ist der Universitätsprofessor Carlos Mesa von der Bürgergemeinschaft. Er gilt als gemäßigt. Ihm werden gute Chancen in einer Stichwahl eingeräumt. Eine wichtige Rolle kommt erneut dem Wahlgericht zu. Im Vorjahr war sein Gebäude in Brand gesteckt worden. Nach 14 Jahren Stabilität, garantiert durch die Hegemonie der MAS, droht Bolivien nun wieder die Instabilität der 1990er Jahre, fürchtet die Soziologin Maria Teresa Zegada.