Literatur

Bücher, die die Seuche haben

bs, raz, hal, fri

Von Bettina Schulte, René Zipperlen, Martin Halter & Manfred Frietsch

Di, 07. April 2020 um 20:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Epidemien sind von jeher guter Stoff für Literatur – als Folie für Erzählungen über Durchhaltevermögen, Wut und Panik, Mut und Liebe. Eine kleine Auswahl von Lukrez über Camus bis Roth.

"Everybody knows the plague is coming/
Everybody knows it’s moving fast."

"Jeder weiß, die Seuche ist im Anmarsch/
Jeder weiß, sie schreitet schnell voran."
(Leonard Cohen, 1988)

Die Pest

Es scheint das Buch zur Stunde zu: Albert Camus’ 1947 erschienener Roman "Die Pest" erklomm nach Ausbruch der Corona-Pandemie die Bestsellerlisten und war kurzfristig sogar vergriffen. Das könnte ein Irrtum sein: Der in Algerien geborene französische Literaturnobelpreisträger meinte mit dem Ausbruch der tödlichen Seuche in Oran eigentlich den deutschen Faschismus. Jedenfalls behauptete er das.

Gleichwohl ist Camus die packende Schilderung eines unaufhaltsamen Verhängnisses gelungen. Die Pest macht die nordafrikanische Stadt zu einer Festung, die niemand mehr verlassen kann. Der Protagonist, der Arzt Rieux, macht sich keine Illusionen über die Ausweglosigkeit des Kampfes gegen die Epidemie. Die Menschen, man kann es nicht anders sagen, sterben in Oran wie die Fliegen.

Man könne der Seuche statt mit Angst nur mit Klarsichtigkeit entgegentreten, sagt der Erzähler an einer Stelle. Und beschreibt das endlose Auf-der-Stelle-Treten, das die Stadt erfasst hat, ein Warten auf das Ende, das man in diesen Tagen gut nachvollziehen kann. Camus ist jene Klarsichtigkeit zu bescheinigen: ein unbestechlicher Autor, den zu lesen in jeder Beziehung erhellend ist. Bettina Schulte

Das Wiener Theater Rabenhof bietet am Karfreitag, 10. April, ab 12 Uhr eine Marathonlesung von Camus’ "Die Pest" mit 120 Mitwirkenden, darunter vielen Schauspielern und Autoren im Sender FM4.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera

"Die Liebe in den Zeiten der Cholera", der Titel von Gabriel García Márquez’ Roman (1985), ist heute ein geflügeltes Wort. Darin muss Florentino Ariza 51 Jahre, neun Monate und vier Tage warten, ehe er seine große Liebe Fermina in den Arm schließen kann. Anfangs weist sie ihn ab und heiratet einen standesgemäßen Arzt; erst nach dessen Tod, mit 72, erliegt sie Florentinos Werben.

Márquez’ Roman ist für europäische Geschmäcker vielleicht ein bisschen süßlich; die Verfilmung geriet zu seelenlosem Kitsch. Aber es ist eine der schönsten Liebesgeschichten der Welt. Während er Karriere macht, hat Florentino 622 Affären; Fermina ist in ihrer Ehe nicht mal unglücklich. Aber nur zusammen ist es Liebe bis zum Tod. Was das mit der Cholera zu tun hat? Nicht zufällig bezeichnet das spanische Wort cólera auch Zorn, "cholerische" Wut, in Kolumbien hitzige Leidenschaft. Die tödliche Seuche: eine Metapher für die Vergänglichkeit des Lebens.

Ferminas Arzt verdankt (ähnlich wie unsere TV-Virologen) seine Aura auch dem Umstand, dass er den unsichtbaren Feind furchtlos bekämpft. Man kann, wie der Erzähler bemerkt, die Symptome von Liebe und Cholera leicht verwechseln. Am Ende fahren die Liebenden auf einem Dampfer den Rio Magdalena hinab. Die gelbe Cholerafahne ist gehisst, alle Passagiere sind von Bord gegangen, im Wasser treiben Leichen: Das Glück später Liebe erfüllt sich im "Grauen des wirklichen Lebens".Martin Halter

Die Verlobten

Sie heißen nicht Romeo und Julia, sondern Renzo und Lucia. Sie stammen auch nicht aus dem Veroneser Stadtadel – sie kommen vom Lande irgendwo zwischen Bergamo und Mailand. Wo das Epizentrum der Corona-Pandemie brodelt, wütet vier Jahrhunderte zuvor – um 1630 – die Pest. Mitten hinein in diese Zeit platziert Alessandro Manzoni "Die Verlobten". Grandios nicht nur wegen der Hunderte Seiten füllenden Geschichte der beiden Liebenden, die, durch Feigheit und Schurkerei getrennt, am Ende endlich Brautpaar sein dürfen.

Sondern auch wegen der Milieuschilderungen von Land- und Stadtleben, in die Manzoni geschickt historische Fakten einwebt. Nach über drei Vierteln Lektüre hat sie ihren Auftritt: die Pest. Erst sind es Gerüchte, Ahnungen, dann zunehmend Nachrichten. Von den einen geleugnet, treiben sie andere zu panischen Handlungen, angeheizt von Verschwörungsfantasien – das geht auch ohne Internet. Erst zögerlich, dann hektisch versuchen die Behörden der Seuche beizukommen: Sie ist ihnen immer voraus.

Der 200 Jahre später schreibende Manzoni lässt ausgiebig Quellen sprechen. Und kommentiert: Was fehlte im Kampf gegen die Pest, war kühle Vernunft. So stellt sich ihr allein tätige Nächstenliebe in den Weg, der die Romanhandlung ein Denkmal setzt. Manfred Frietsch

Der Tod in Venedig

"Es ist also kein Übel in Venedig?" Wenn Gustav Aschenbach diese Frage stellt, stockt einem fast der Atem. Denn über drei Viertel seiner Novelle "Der Tod in Venedig" (1911) hat Thomas Mann ein so dichtes Netz aus morbiden, unheimlich gärenden und auch schwülstigen Motiven gewoben, dass das wie zäher Nebel über der Lagunenstadt hängende "Übel" mit Händen zu greifen ist.

Die Cholera hat Venedig erreicht, "erzeugt aus den warmen Morästen des Ganges-Delta", von der Stadt heftigst verleugnet, aus "Angst vor den gewaltigen Ausfällen" der Hotels und Geschäfte. Mit ihrer ersten Nennung wird die Seuche zum aufgeladenen Sinnbild unterdrückter inneren Kämpfe des Schriftstellers. Doch nicht sie selbst ist "Werkzeug einer höhnischen Gottheit", das wäre zu simpel, sondern der Knabe Tadzio, in den sich Aschenbach verzweifelt verliebt.

Kaum weiß er von der Cholera, brechen Sehnsüchte und Gelüste im Wehrlosen auf: "Das Bild der heimgesuchten und verwahrlosten Stadt entzündete in ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft überschreitend, und von ungeheurer Süßigkeit." Mann stürzt seinen Protagonisten in eine Orgie dionysischen Ausmaßes. Die Nachricht von seinem Tod nimmt "eine respektvoll erschütterte Welt" entgegen. Was nehmen wir Heutigen entgegen? Eine Lehre aus Viscontis Verfilmung: Gustav Mahler hören. Hilft ein bisschen.René Zipperlen

Wiederentdeckungen

"Etwa zu Frühlingsanfang begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen." Mit der Pest beginnt um 1350 Giovanni Boccaccios "Decamerone". Sieben Frauen und drei Männer sind aus Florenz aufs Land geflüchtet und erzählen sich Geschichten: derbe, erotische, anmutige, philosophische, von Schurken und Pfaffen, Königen und Sultanen. Nach zehn Tagen und 100 Erzählungen verlässt die Gruppe ihre Quarantäne – Kunst und Gemeinsamkeit überdauerten die Krankheit, das "Decamerone" wurde zum Startschuss der europäischen Erzählliteratur.

Der Urvater der Seuchenliteratur war 1400 Jahre früher Lukrez, dessen "De rerum natura" mit der Pest zu Athen endet. Die schonungslose Schilderung vom Untergang der Stadt schockiert heute noch.

60 Jahre nach Ausbruch der Pest lässt Daniel Defoe 1722 einen Kaufmann nicht nur Vorräte hamstern, sondern die Straßen Londons beobachten – die frühe Docufiction "Die Pest zu London" richtet den Blick darauf, wie die Gesellschaft auf eine Katastrophe reagiert.

Zuletzt ist noch ein kleines Meisterwerk von Philip Roth zu erwähnen: "Nemesis" erzählt 2010 die Geschichte eines jungen Mannes, der statt im Krieg gegen Korea seinen Mann zu stehen, als Betreuer in einem Feriencamp mit der Kinderlähmung konfrontiert wird, einer Epidemie mit schrecklichen Folgen für die Betroffenen, bis ein Impfstoff gefunden war – auf den wir auch jetzt wieder alle hoffen. René Zipperlen/Bettina Schulte