Sea-Watch 3

Carola Rackete schildert die dramatischen Stunden an Bord

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mi, 04. Dezember 2019 um 18:51 Uhr

Literatur & Vorträge

Eine deutsche Seenotretterin erzwang im Sommer die Einfahrt in den Hafen von Lampedusa, mit fast 50 Flüchtlingen an Bord ihres Schiffes. Jetzt hat Carola Rackete ein Buch darüber geschrieben.

Carola Rackete, wie man sie kennt: sonnengebräunt, mit Spaghettiträgern und – andeutungsweise zu sehen – ungezähmten Haaren. So ist sie auf dem Cover ihres Buches zu sehen, die Kapitänin der Sea-Watch 3. Und so war sie im Fernsehen und auf Fotos zu sehen, als sie im Sommer 2019 zur Symbolfigur geworden ist.

Mit dem Schiff des Vereins Sea-Watch war die 31-Jährige im Mittelmeer unterwegs, um Menschen aus Seenot zu retten. Menschen, die in völlig untauglichen Booten aus Libyen nach Europa übersetzen wollten. Mehr als 50 hatten Rackete und ihre Crew aufgenommen und Kurs auf die italienische Insel Lampedusa genommen. Einige der Geretteten übernahm Italiens Küstenwache, weil sie krank oder verletzt waren. Die anderen aber sollten nicht an Land kommen, der Sea-Watch 3 wurde die Einfahrt in den Hafen verweigert. Zwei Wochen lang lag sie vor der Küste vor Anker.
Carola Rackete: Handeln statt Hoffen. Droemer Verlag, München 2019. 172 Seiten, 16 Euro.

"Es wurde zunehmend schwierig, die Sicherheit an Bord zu garantieren. Die Leute brauchten dringend ärztliche Versorgung an Land. Eine der geretteten Frauen sprach der Ärztin gegenüber aus, sie sei so verzweifelt, dass sie daran denke, sich das Leben zu nehmen." So schildert Rackete die Situation an Bord der Sea-Watch 3 jetzt in ihrem Buch.

Geschrieben hat sie es zusammen mit Anne Weiss, die erst Bücher wie "Generation Doof – Wie blöd sind wir eigentlich?" verfasst und dann umgesattelt hat aufs Thema Klimawandel: "Generation Weltuntergang" hieß das Werk zum neuen Thema. Ihren neuerdings apokalyptischen Ton bringt Weiss auch hier wieder ein.

Zwei Bücher in einem

"Handeln statt Hoffen" sind zwei Bücher in einem. Immer wieder wechselt der Text von Schilderungen der dramatischen Ereignisse vom Sommer zu referierenden Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien. Es geht um Klimawandel und Artensterben, um Umweltverschmutzung und Politik. Elektromobilität, CO2-Steuer und Emissionshandel seien nicht mehr als "hilfloses Herumdoktern mit Mitteln, die diese Krise erzeugt haben – den Mitteln einer neoliberalen Wirtschaftspolitik". Stattdessen wird auf eine "bessere Ökonomie" gesetzt, die "Güter der Allgemeinheit wie die Atmosphäre, die Polarregionen, die Weltmeere, das All, aber auch das Internet" allen Menschen zur Verfügung stellen soll.



Nicht nur an dieser Stelle hat das Buch etwas von einem Katalog. Alle aktuell diskutierten Probleme werden angerissen. Vermutlich sind das die gesammelten Rechercheergebnisse der Co-Autorin. Warum aber sollte man all das in dem Buch einer Kapitänin lesen, die im Mittelmeer Menschen rettet?

Weil, so wird hier konstatiert, es einen Zusammenhang gebe zwischen Klimawandel und Migration: "In den kommenden Jahren werden immer mehr Menschen ihre Heimat auch aufgrund fortschreitender Umweltzerstörung verlassen müssen." Das ist gewiss richtig, trifft es aber auf die Menschen zu, welche die Sea-Watch 3 im Mittelmeer gerettet hat? Oder kamen die aus Bürgerkriegsländern wie Somalia? Man erfährt es in dem Buch leider nicht.

Vor dem Einsatz im Mittelmeer ist Rackete ins Eismeer gefahren

Ein zweite Motivation für die Verbindung ist die Person Rackete. Einiges erzählt sie von sich selbst: Studiert hat sie Nautik, ein Fach, das alles an Ingenieur- und Naturwissenschaft vermittelt, was man zum Führen von Schiffen braucht. Ökologisch interessiert hat sie auf den Forschungsschiffen Meteor und Polarstern angeheuert. Von ihren Fahrten ins Eis des arktischen Meeres, das seit Jahren immer dünner wird, berichtet sie, von ihrem Freiwilligendienst im Bystrinsky-Nationalpark im Osten Russlands und ihrem Naturschutzstudium in England.

Beides war ihr nicht genug. So bot sie sich der Organisation Sea-Watch als Kapitän an (sie bevorzugt die männliche Berufsbezeichnung). Neben dem Studium leitete sie Rettungsfahrten der Sea-Watch 2 und der Sea-Watch 3. Wie es mit deren Einsatz weiterging, der vor Lampedusa endete, ist bekannt. Als Rackete die Lage der Menschen an Bord zu riskant zu werden schien, nahm sie sich das Recht einer Noteinfahrt in den Hafen, wobei sie ein Boot des italienischen Zolls streifte, das die Einfahrt verhindern sollte. Rackete wurde festgenommen, das Verfahren der italienischen Justiz gegen sie läuft noch.

"Durch die Einfahrt in den Hafen", schreibt sie, "habe ich ganz einfach meine Pflicht zur Rettung erfüllt. Es ist weder ein Verbrechen noch eine Heldentat." Nein, eine Ikone will Rackete nicht sein. Aber zum nachahmenden Handeln anstiften, das will sie mit diesem Buch doch.