Porträt

Christiane Wangler ist neue Vorsitzende der Landfrauen in Freiburg

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

So, 05. Januar 2020 um 10:23 Uhr

Südwest

Landfrauen machen nicht nur Kaffee und Kuchen bei Veranstaltungen, sie können auch Politik: Das ist Christiane Wangler, der neuen Vorsitzenden der Landfrauen im Bezirk Freiburg, wichtig. Ein Porträt.

Christiane Wangler hat sich warm eingepackt. Sie trägt Handschuhe, Mütze und Anorak. Bevor sie losstiefelt, steckt sie sich noch schnell die hydraulische Schere in die Jackentasche. Dann geht es quer über den Hof und hinten am Hang eine hölzerne Stiege hinauf, die direkt in die Reben führt. Oben angekommen, holt sie die Schere hervor, greift mit der einen Hand in den Weinstock und schneidet mit der anderen Zweige ab. Stephanie Streif hat Christiane Wangler in ihren Weinberg begleitet. Es ist knackig kalt. Hinter den Dächern Oberrotweils wellen sich die Hügel des Kaiserstuhls in Richtung Himmel.

Und während sie gemütlich vor sich hin schneidet, erzählt die 43-Jährige, dass sie alles, was sie über die Reben wisse, von ihrem Mann habe. Was stehen bleibt, schnipp, was wegkommt, schnipp. Die Wanglers sind Genossenschaftswinzer. Ihr Mann habe die Landwirtschaft seiner Eltern übernommen und zusammen führe man jetzt den Hof. Christiane Wangler hat allerdings noch einen Nebenberuf. Seit 2013 ist sie Landfrau. Damals wurde sie nicht nur Mitglied, sondern hat auch gleich einen Posten im Vorstand der Landfrauen Oberrotweil-Bickensohl übernommen. Und Mitte November wurde die 43-Jährige zur Vorsitzenden des Bezirks Freiburg gewählt, der sich mit 32 Ortsvereinen vom Kaiserstuhl bis hoch zum Schluchsee zieht.

Bei einer Tasse Kaffee im Warmen erzählt Wangler von sich. Statt ihrer dicken Winterjacke trägt sie jetzt ein Oberteil mit Spitzen. An den Wänden oben unterm Dach hängen Bilder, die Wanglers Töchter gemalt haben. Die eine ist 8, die andere 13 Jahre alt. Wangler kommt nicht aus Oberrotweil. Sie sei wegen ihres Mannes hierher gezogen, erzählt sie. Bevor sie mit in die Landwirtschaft eingestiegen ist, hat sie in Freiburgs Innenstadt als stellvertretende Filialleiterin bei der Parfümerie Douglas gearbeitet. Hoppla, das hört sich nach einer gewaltigen Umstellung an: Raus aus der Welt der Schönheit und rein in den Weinberg. Wangler schüttelt den Kopf: Nein, sie habe das ganz und gar nicht als gewaltigen Umbruch empfunden. Warum auch. "Man sollte flexibel bleiben."

Die Arbeit in den Reben gefällt ihr. "Da ist man weg von allem." Außerdem könne sie sich ihren Arbeitstag frei einteilen, so dass drumherum noch genug Zeit für ihr Ehrenamt, aber vor allem für die Familie bleibe. Wangler ist durch und durch Familienmensch. Mittagessen kochen, dabei sein, wenn die Kinder Hausaufgaben machen, Arzttermine am Nachmittag. "Ich will für meine Töchter präsent sein", sagt sie. So präsent, dass sie sich im Beisein ihrer Kinder auch niemals länger hinter ihren Laptop klemmen würde, um daran zu arbeiten. "Ich gehe lieber mit den Kindern raus." Wangler sagt, sie wolle ihnen Vorbild sein. Auch darum engagiere sie sich bei den Landfrauen: "Immer weniger Menschen bringen sich in ihre Dorfkultur ein. Ich finde das schade." Also macht sie. Und das nicht erst seit sie Landfrau ist.

Wangler kommt aus Rauental, einem Stadtteil von Rastatt, der mehr Dorf als Stadt ist. Sie geht zur Schule, macht ihren Realschulabschluss und eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Mit Anfang zwanzig lässt sie sich dort auch für den freiwilligen Polizeidienst ausbilden. Anders als heute habe es damals kaum Frauen bei der Polizei gegeben, erinnert sie sich. Als Polizeihelferin erlebt sie, wie Frauen bei der Polizei anrufen, weil ihre Männer gewalttätig sind. Und sie erlebt auch, wie die gleichen Frauen einen Tag später ihre Anzeigen zurückziehen. "Das hat was mit mir gemacht", sagt sie. Vielleicht seien ihr Frauenthemen darum auch heute noch wichtig.

Mit manchen Dingen will sich Wangler nicht abfinden. Während ihrer Zeit bei Douglas bekommt sie mit, wie Kollegen mit Abitur an ihr vorbeiziehen. Sie selbst schult zu dieser Zeit bereits überregional Auszubildende und denkt sich: Warum die und nicht ich? Um beruflich voranzukommen, lässt sie sich berufsbegleitend zur Handelsfachwirtin ausbilden und wird stellvertretende Leiterin der Douglas-Filiale. Ungerechtigkeit halte sie schlecht aus, sagt die Oberrotweilerin. Auch die zwischen Mann und Frau. Wangler ist keine, die sich in feministischen Diskursen verlieren würde, sie packt lieber an. So liest sich auch ihre Spalte im Familienplaner, den sie vom Haken nimmt: Ideenschmiede zur Artenvielfalt, Regionaltagung des Dorfhelferinnenwerks Sölden, Kochkurs Silvesterhäppchen in der Schulküche des Landratsamt Breisach und, und, und. Ihre Spalte ist gestopft voll. Mitunter beschwere sich ihre Jüngste schon, sagt Wangler. Sie erkläre ihr dann, warum sie das mache und dass es wichtig sei, sich zu engagieren.

Als sie vor rund sechs Jahren zur Landfrau wurde, wusste Wangler gar nicht, dass der Verein auch politisch ist. Und dass er sich immer stärker in diese Richtung bewegen würde. Ihr Ortsverein kümmere sich – wenn zeitlich machbar – bei Veranstaltungen zwar immer noch um Kaffee und Kuchen oder biete den Kindern im Ort ein vorweihnachtliches Plätzchenbacken an, darüber hinaus passiere aber noch so viel mehr. Wrangler wirft einen Blick in ihr Notizbuch, in dem steht, was sie im Gespräch mit der Presse unbedingt erwähnen will: Etwa dass man sich vor einigen Jahren zusammen mit anderen Verbänden für die Mütterrente stark gemacht und die Hofabgabeklausel durchgesetzt habe, so dass Bäuerinnen unabhängig von ihren Männern in Rente gehen können. Auch AfD-Positionen diskutiere man bei den Landfrauen durch, etwa wenn sich diese gegen den Equal-Pay-Day, der die Lohnunterschiede zwischen Frau und Mann kritisiere, stemme. "Wenn wir als Verband Frauensolidarität leben, kann es nicht sein, dass wir so eine politische Meinung stehen lassen."

Wangler muss nicht weiter ausholen. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Frauen und Männer sind gleich. Basta. Für Wangler ist das so selbstverständlich, wie morgens in ihre Arbeitsklamotten zu schlüpfen und, sobald die Kinder aus dem Haus sind, zum Arbeiten in den Weinberg zu gehen. Nichts worüber man viel reden müsste. Hauptsache machen.