US-Präsident

Corona-Management, Interview-Desaster: Trump wird nervös

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Do, 23. Juli 2020 um 08:21 Uhr

Ausland

Trump vollzieht die Kehrtwende: Er wirbt jetzt für das Maskentragen und gesteht ein, dass die Lage schlimmer werden könnte. Die Wahl im November könnte zur Wahl über seine Corona-Strategie werden.

Eigentlich war der Vorhang bereits gefallen. Die Corona-Taskforce des Weißen Hauses, gebildet, um auf die Epidemie zu reagieren, gab es zwar noch, aber eben nicht mehr in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Donald Trump hielt es nicht mehr für ratsam, sich, flankiert von Virologen, im Briefing Room seiner Residenz vor die Reporter zu stellen, wie er es im April noch fast täglich getan hatte.

Nun die Kehrtwende: Nach drei Monaten Pause trat er am Dienstag erneut an das wappengeschmückte Pult in dem bemerkenswert kleinen Saal, und wie er die Lage einschätzte, klang für seine Verhältnisse ungewohnt nüchtern.

"Wahrscheinlich wird es leider schlimmer, bevor es besser wird"Donald Trump
"Wahrscheinlich wird es leider schlimmer, bevor es besser wird", orakelte der Präsident. Er sage das nicht gern, aber so sei es nun mal. Irgendwann zog er sogar einen Mund-Nasen-Schutz aus der Tasche seines Jacketts. Nicht, um ihn sich vors Gesicht zu binden, wohl aber, um Landsleuten, die in Masken ein Zeichen von Schwäche sehen, ins Gewissen zu reden.

"Ob Sie die Masken nun mögen oder nicht, sie haben eine Wirkung", mahnte er, nachdem er lange Zeit das Gegenteil behauptet hatte. Bereits zuvor hatte er seine Anhänger in einem Tweet auf den Schwenk eingestimmt. "Viele Leute sagen, es ist patriotisch, eine Maske zu tragen, wenn Social Distancing nicht möglich ist. Es gibt niemanden, der patriotischer ist als ich, euer Lieblingspräsident."

Es sagt viel über einen Mann, der angesichts miserabler Umfragewerte langsam so nervös zu werden scheint, dass er die Taskforce-Briefings wieder aufleben lässt und, zumindest beim Neustart, eher leise Töne anschlägt. Trump las vom Teleprompter ab, statt improvisierend zu Tiraden anzusetzen, was er sonst häufig tut. Er vermied Streit mit Reportern, die er früher als totale Versager beschimpfte, die unerhört dreiste Fragen stellten und nicht zu würdigen wüssten, was seine Regierung leiste.

Trump erlebte am Wochenende ein mediales Desaster

Offensichtlich will er einen Eindruck verwischen, der sich zuletzt aufgedrängt hatte. Während die Zahl der bestätigten Infektionen in Kalifornien, Texas oder Florida auf alarmierende Höchststände kletterte, wirkte er, als ginge ihn das alles nichts mehr an. Als habe er das Kapitel Corona schon abgehakt.

Am Wochenende hatte er ein mediales Desaster erlebt. Da gab er dem ebenso unaufgeregt wie beharrlich nachfragenden Fernsehmann Chris Wallace, der beim ansonsten überaus Trump-freundlichen Sender Fox News für kritischen Journalismus steht, ein Interview, das er bereut haben dürfte. Man saß im Garten des Weißen Hauses, bei 37 Grad im Schatten traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. Als er sich über die Hitze beschwerte, konterte Wallace kühl, Trump habe doch darauf bestanden, das Gespräch statt in klimagekühlten Räumen im Freien zu führen.

Das Interview im Video:



Irgendwann prahlte der Präsident damit, er habe einen Test seiner kognitiven Fähigkeiten ausgezeichnet bestanden, worauf Wallace erwiderte, den Test kenne er, er sei ziemlich einfach. Zum Beispiel müsse man einen Elefanten als Elefanten identifizieren und sieben von 100 subtrahieren.

Als Trump behauptete, die USA hätten nur deshalb die meisten Ansteckungen zu verzeichnen, weil sie mit Abstand am intensivsten testeten, blamierte er sich erneut, weil ihm Wallace mit Fakten kam. Es lag wohl auch an diesem Fiasko, dass Trump die Lage – zumindest für den Moment – nicht mehr schönfärbt.

Sein Herausforderer Biden liegt in den Umfragen vorne

Wie rasant es in den Popularitätskurven abwärts geht für ihn, zeigen Umfragen. Washington Post und ABC News sehen seinen Kontrahenten Joe Biden derzeit mit 15 Prozentpunkten vorn. Im Mai hatte der Amtsinhaber noch um zehn, im März nur um zwei Punkte hinter seinem Herausforderer gelegen.

In den Swing States, in denen es traditionell auf Messers Schneide steht, fällt der Rückstand zwar geringer aus, aber auch dort hätte Trump nach heutigem Stand das Nachsehen. In den Rust-Belt-Staaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin, ehemaligen Hochburgen der Demokraten, in denen er 2016 den Wettlauf mit Hillary Clinton überraschend für sich entschied, würde er klar verlieren, würde heute gewählt. Auch in Florida, North Carolina und selbst in Arizona, einem lange von den Konservativen beherrschten Staat, müsste er seinem Rivalen den Vortritt lassen, während es in Ohio und Georgia auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinausliefe. Der Economist schätzt die Chancen, dass Trump im Weißen Haus abgelöst wird, auf 93 Prozent.

Allerdings handelt es sich nur um einen Zwischenstand. Zudem neigen die Amerikaner eher nicht dazu, einen Präsidenten nach nur einer Amtszeit durch einen anderen abzulösen. Der Letzte, der mit seiner Ausnahme die Regel bestätigte, war 1992 George Bush. "Einige Leute sagen, schaut euch doch nur die Zahlen an. Nun, ich vertraue den Zahlen nicht", sagt Debbie Dingell, eine Kongressabgeordnete der Demokraten aus Michigan.

Dennoch, eines steht außer Zweifel: Eine klare Mehrheit, Anhänger wie Gegner Trumps, sieht im Votum am 3. November ein Referendum über sein Krisenmanagement. Solange die Pandemie nicht eingedämmt wird, scheint Trump – bei allen angebrachten Relativierungen – gegen heftigen Gegenwind ankämpfen zu müssen.

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