BZ-Interview

Der Förderverein für das NS-Dokuzentrum in Freiburg hat seine Arbeit aufgenommen

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Sa, 10. Dezember 2022 um 17:00 Uhr

Freiburg

Im Frühjahr 2023 soll das Freiburger NS-Dokuzentrum eröffnen - und schon jetzt engagiert sich der Förderverein. "Das Dokuzentrum schließt eine Lücke", so Christoph Ebner.


BZ: Der Förderverein existiert bereits seit Ende März. Was ist seitdem passiert?
Ebner: Nach der Gründungssitzung mussten wir erst einmal Gemeinnützigkeit beantragen. Da haben wir gelernt: Das geht nicht von heut’ auf morgen. Am Ende hat es bis Oktober gedauert. Und vorher hieß es: Füße stillhalten.
Weyrauch-Herrmann: Seitdem haben wir aber doch schon einiges gemacht: eine Homepage erstellt, mehrere Vorstandssitzungen, wir haben einen Flyer entworfen. Und nun sind wir dabei, mögliche Mitglieder zu akquirieren und Werbung für den Förderverein zu machen.



BZ: Gründungsmitglieder sind ehemalige Richter, Professoren, Politiker. An wen richtet sich der Verein?
Weyrauch-Herrmann: Mitglied werden können und sollen alle Menschen in der Stadt. Wir richten uns explizit an die Stadtbevölkerung. Das NS-Dokuzentrum war von der Zivilgesellschaft gewünscht und unterstützt. Und nun möchten wir, dass durch den Förderverein auch ein breites Engagement möglich wird. Inzwischen haben wir fast 50 Mitglieder und freuen uns, wenn es in den nächsten Wochen noch mehr werden.
Ebner: Das NS-Dokuzentrum soll über den Förderverein in der Stadt verankert werden. Es soll nicht einfach ein Gemeinderatsbeschluss sein, sondern auf möglichst breiten Füßen stehen. Und je mehr Freiburgerinnen und Freiburger Mitglied werden und an dem Projekt beteiligt sind, desto besser tut es der Einrichtung. Das Dokuzentrum darf kein abgeschlossener Raum werden, es sollte in der Breite der Bevölkerung seinen Widerhall finden.

Dauer-und Sonderausstellungen im NS-Dokuzentrum

BZ: Was können Mitglieder selbst tun?

Weyrauch-Herrmann:
Erstmal will der Förderverein Spenden sammeln, um das neue Dokumentationszentrum laufend zu unterstützen. Es soll neben der Dauerausstellung fortlaufend auch Sonderausstellungen geben, die wir fördern wollen. Dann wollen wir die regionale Forschung zur Zeit des NS unterstützen und daneben auch Veranstaltungen organisieren, die die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Ein Mitglied im Förderverein kann sich also durch Spenden beteiligen, aber auch durch Veranstaltungen und Engagement auf die verschiedenen Aktivitäten des Zentrums aufmerksam machen und Ideen einbringen.
Ebner: Konkret will der Verein dem Dokumentationszentrum helfen, Exponate anzukaufen, Veranstaltungen zu organisieren und Unterstützung finanzieller oder personeller Art bieten. Und wenn uns die Freiburgerinnen und Freiburger die Möglichkeit einräumen, wollen wir auch Forschung über die Zeit anstoßen und finanziell unterstützen. Es gibt eine Web-Talk-Reihe zum Nationalsozialismus in Freiburg und da kann man erleben, dass viele Aspekte noch wenig beleuchtet sind. Da könnten wir mit unserer Förderung dazu beitragen, solche Teilbereiche besser zu erforschen.
Weyrauch-Herrmann: Der Förderverein will sich finanziell an der Ausgestaltung des Gedenkraums beteiligen, der im Zentrum geplant ist. Das soll kein abgeschlossener Raum werden, sondern sich stetig weiterentwickeln, so dass das Dokuzentrum nicht eine abgeschlossene Geschichte behandelt, sondern ein Lernort für die Zukunft wird. Und insofern ist es wichtig, dass viele Generationen mitwirken, die sich über den Förderverein mit ihren Ideen einbringen können.

BZ: Noch existiert das Dokuzentrum gar nicht. Wo stehen wir gerade und wie sind Sie in die Planungen eingebunden?
Weyrauch-Herrmann: Wir stehen im ständigen Austausch mit dem Dokuzentrum, aber wir wirken nicht rein in die Konzeption. Das wollen wir auch gar nicht. Konzeptionell ist die Leiterin, Julia Wolrab, zuständig. Aber sie berichtet dem Förderverein regelmäßig über den aktuellen Stand.
Ebner: Es gibt auch eine Neuigkeit: Wenn man an dem Gebäude vorbeiläuft, sieht man dort einen roten Punkt. Das heißt: Die Baugenehmigung ist jetzt gekommen und im Januar sollen die Vorarbeiten beginnen. Vorgesehen ist, dass das Zentrum zum Frühjahr 2024 eröffnet.


BZ: Ist es für Sie Fluch oder Segen, dass das Haus noch gar nicht existiert?
Weyrauch-Herrmann: Ich schaue von meinem Büro in der Volkshochschule aus jeden Tag auf das Haus – das existiert. Und auch dadurch, dass das Projekt seit Jahren schon konzipiert wird, erscheint es mir sehr, sehr real und gut geplant. Wir können uns sehr gut vorstellen, wie es einmal aussehen wird.
Ebner: Der Wunsch der Freiburgerinnen und Freiburger, einen Gedenk- und Informationsort zu bekommen, ist bestimmt schon 20 Jahre alt. Marlis und Andreas Meckel haben sich gemeinsam mit anderen im Rahmen einer eigenen Initiative dafür eingesetzt. Mit den Diskussionen um den Platz der Alten Synagoge hat sich das nochmals verstärkt. Dazu kam die Ausstellung über Freiburg im Nationalsozialismus im Augustinermuseum. Sie hat den Wunsch, ein Dokumentationszentrum zu kriegen, noch mal größer gemacht. Und ich fand es bemerkenswert, dass der Gemeinderat in einem übergreifenden Antrag aller Gemeinderätinnen und Gemeinderäte 2017 gefordert hat: Wir brauchen so eine Einrichtung. Seither wird an diesem Projekt gearbeitet. Daher ist es für mich schon sehr real, obwohl in dem Gebäude noch nichts zu sehen ist.

BZ: Für diejenigen, die die Diskussion nicht so intensiv verfolgt haben, ist noch nichts zu sehen. Das macht die Werbung für den Förderverein sicher schwierig.
Weyrauch-Herrmann: Das stimmt zwar, aber das Dokuzentrum ist über verschiedene Aktionen schon im städtischen Raum sichtbar: Es gab die Ausstellung über jüdische Sportler auf dem Rotteckring, es gibt das "Serious Escape Game", auch in den Schulen ist das Zentrum präsent. Und so gelingt es schon jetzt, den städtischen Raum zu bespielen, auch ohne das Gebäude.

BZ: In kurzer Zeit haben Sie bereits 50 Mitglieder gewonnen. Was motiviert die?
Ebner: Die Hauptmotivation ist, zu unterstützen, dass man sich in Freiburg mit der Geschichte der Stadt im Nationalsozialismus beschäftigt. Insbesondere in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt, stellt sich die Frage, wie die Erinnerungskultur ohne sie möglich sein wird. Und ich glaube, dass ein Dokumentationszentrum da helfen kann. Wir haben noch von unseren Eltern oder Großeltern vieles mitgekriegt. Das ändert sich. In dem Dokuzentrum können Zeitzeugen zur Sprache kommen, in Videos, in Audios, durch Dokumente, auch über 1945 hinweg. Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit haben 1945 ja nicht geendet.
Förderverein

Der gemeinnützige Förderverein Dokumentationszentrum Nationalsozialismus Freiburg e. V. will Aufbau, Einrichtung und Weiterentwicklung des NS Dokuzentrums unterstützen und die Forschung und Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus in Freiburg finanziell fördern. Der Verein steht allen Interessierten offen. Der Jahresbeitrag beträgt 50 Euro.

Weiteres Infos und Anmeldung: http://www.nsdoku-freiburg-foerderverein.de

BZ: Was bedeutet es für das Dokuzentrum, dass immer weniger einen persönlichen, familiären Bezug zum NS haben.
Weyrauch-Herrmann: Eine Stärke an dem Konzept des Hauses ist, dass es nicht nur in die Vergangenheit blickt. Viele junge Leute machen sich Gedanken, wie wir die Zukunft gestalten, wie wir Diversität und Integration leben können. Auch das kann ein Anlass sein, sich dem Förderverein anzuschließen: aus der Erinnerungskultur für die Zukunft zu lernen.
Ebner: Ich merke als Journalist beim SWR, dass wenn wir Geschichten in einem regionalen Bezug erzählen, sie eine ganz andere Relevanz bekommen. Im Dokumentationszentrum möchten wir die Geschichte dieser Zeit in Freiburg, in der Umgebung und auch die Beziehungen beispielsweise zu Frankreich und zur Schweiz erzählen. Deswegen kann man schlecht sagen, es gibt ja schon ein Dokumentationszentrum in Berlin. Das reicht nicht aus. Letztendlich geht es darum, auch regionale Aspekte aufzuzeigen. Und was ich mir persönlich auch sehr wünsche, ist, nicht eine Polarisierung zwischen Opfer und Täter darzustellen, sondern auch die Grautöne aufzuzeigen, warum sich Leute mit den Nationalsozialisten eingelassen haben. Warum Freiburg eine Stadt war, die so früh sehr viele Jüdinnen und Juden deportiert hat.

BZ: Wie gruppiert sich das Dokumentationszentrum in der Region ein? Es gibt ja schon einige Gedenkorte.
Ebner: Wir wollen uns eng vernetzten beispielsweise mit dem Förderverein der ehemaligen Synagoge in Kippenheim, mit dem Blauen Haus in Breisach, aber auch mit Natzweiler im Elsass und mit der Gedenkstätte in Riehen. Das Dokuzentrum in Freiburg schließt da eine Lücke. Es gibt mehrere andere, kleinere Vereine, die schon länger aktiv sind, doch so etwas wie ein Dokuzentrum, wo der Austausch organisiert wird, gibt es bislang nicht.
Weyrauch-Herrmann: Und natürlich ist die zukünftige räumliche Nähe zur Landeszentrale für politische Bildung vielversprechend. Geschichte hat immer auch eine Konsequenz für die Zukunft. Und dieser Austausch zwischen NS-Dokuzentrum und Landeszentrale könnte ein guter Dialog für die Demokratie werden.