Panorama

"Das Down-Syndrom ist cool"

Nina Witwicki und Patricia Averesch

Von Nina Witwicki und Patricia Averesch (epd)

Mi, 28. Oktober 2020 um 15:42 Uhr

Panorama

Drei Frauen teilen auf Instagram ihr alltägliches Leben, um Vorurteile gegen Trisomie 21 abzubauen und Inklusion zu schaffen. Eine von ihnen ist Natalie Dedreux, die sich auch politisch engagiert.

"Equality", Gleichheit, steht in weißen Lettern auf ihrer Brust. Jeder Mensch soll dieselben Rechte, denselben Status und dieselben Möglichkeiten haben, wie jeder andere – auch mit einer Behinderung. Das ist Natalie Dedreuxs großes Ziel. Die junge Frau ist Anfang 20 und möchte, gemeinsam mit vielen anderen, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für das Down-Syndrom schaffen. Ein Mittel, diese Aufmerksamkeit zu erreichen, ist Instagram. Bei der Social-Media-Plattform finden sich unter dem Hashtag "Down-Syndrom" Millionen Bilder von jungen Erwachsenen, Kindern und Babys mit dem Gendefekt. Wie Dedreux versuchen Betroffene selbst und auch auffällig viele Eltern von Kindern mit Trisomie 21 über das soziale Netzwerk, Ängste und Vorurteile abzubauen. Sie geben Einblicke in ihr Leben und machen Mut.

Ihren ersten Instagram-Post setzte Natalie Dedreux vor zwei Jahren ab: Das Foto zeigt, wie sie in Jeans, Lederjacke und Turnschuhen vor einer Betonwand steht – mit ausgebreiteten Armen und in den Himmel schauend. Darunter steht: "Ich bin Natalie Dedreux. Ich habe das Down-Syndrom. Das Down-Syndrom ist cool." Seither lässt die 21-Jährige Menschen auf Instagram an ihrem Leben teilhaben. Sie zeigt Fotos von sich bei Konzertbesuchen, Sportübungen, Karnevalsfeiern, Spaziergängen oder von Momenten mit ihrem Freund. Das Profil ist öffentlich, es folgen ihr inzwischen mehr als 6130 Menschen.

Politisches Engagement für das Wahlrecht von Menschen mit Behinderung

"Es sind richtig viele, die sich für mich interessieren", sagt sie stolz dem Evangelischen Pressedienst. Gerne würde sie noch mehr Instagram-User erreichen: "Dann sehen viele, dass Menschen mit Down-Syndrom auch cool sind und etwas zu sagen haben." Natalie Dedreux wünscht sich, dass Menschen mit einer Behinderung an der Gesellschaft teilhaben dürfen, anstatt nur am Rande zu stehen, und dass ihnen mehr zugetraut wird, wie sie es ausdrückt. Sie engagiert sich für das Wahlrecht von Menschen mit einer Behinderung und hat eine Petition zur Pränataldiagnostik gestartet. Sie möchte nicht, dass Krankenkassen künftig die Kosten für einen genetischen Bluttest bei Schwangeren übernehmen, um festzustellen, ob das Ungeborene eine Chromosomen-Abweichung hat. Sie habe Angst, dass Menschen mit Down-Syndrom aussortiert werden, sagt sie.

Irina Martius, alias "ausserordentlich_gluecklich", aus der Nähe von Zwickau bloggt seit der Geburt ihres Sohnes Tillmann, der das Down-Syndrom hat, auf Instagram über ihren normalen Familienalltag. "Ich will zeigen, dass wir stolz auf unser Kind sind und dass das überhaupt unabhängig von seiner Chromosomenzahl ist", sagt sie. Auf ihrem Kanal folgen ihr 6 400 Abonnenten. Es gehe darum, anderen Menschen eine Art Orientierungshilfe zu sein, damit sich mehr Eltern dafür entscheiden, ein Kind mit Down-Syndrom auf die Welt zu bringen. Menschen sollten so akzeptiert werden, wie sie sind. "Ich will Toleranz erreichen, indem wir Berührungsängste klein halten."

Berührungsängste abbauen und das Leben zeigen

Starrende Blicke und sogar Gafferei auf dem Spielplatz oder im Supermarkt waren der Grund dafür, warum die 31-jährige Patrizia aus Hamburg, alias "tree.21", begann, ihr Leben als Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom online zu dokumentieren. Viele Menschen wüssten lediglich das über das Down-Syndrom, was sie im Biologieunterricht der Schule gelernt haben, sagt sie. Das sei zum Teil veraltet oder realitätsfern. Mit ihrem Instagram-Kanal wolle sie aufklären, aber auch zeigen, dass sie ein ganz normales Leben führt. Deshalb geht es auf ihrem Kanal nicht pausenlos über das Down-Syndrom, sondern über all das, was in ihrem Alltag und dem ihres achtjährigen Sohnes Elijah anfällt.

Dass es auch über Instagram schwierig ist, gerade die Menschen zu erreichen, die Berührungsängste gegenüber Menschen mit Trisomie 21 haben, ist der Hamburgerin bewusst. Unter ihren 43 200 Abonnenten seien vor allem Menschen, die einer Behinderung prinzipiell offen gegenüber eingestellt sind. Hinzu kämen viele Pädagogen und Angehörige von Menschen mit Down-Syndrom.

Hasskommentare hat keine der drei Instagrammerinnen bislang erhalten, berichten sie. "Die Leute sind wegen des Inhalts da und wissen, worauf sie sich einlassen", erklärt Martius. So gibt Martius anderen Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, die jünger als ihr vierjähriger Sohn sind, Tipps für Therapien, Lernhilfen oder Beratungsstellen. Von der Erfahrung anderer Eltern mit älteren Kindern profitiere wiederum sie.

Natalie Dedreux bespielt ihren Instagram-Kanal eigenständig. Sie schreibt aus dem Bauch heraus. "Es macht einfach Spaß, zu zeigen, wo man ist und was man macht", sagt sie. Anderen Menschen mit Down-Syndrom rät die junge Frau, sich ebenfalls bei Instagram anzumelden.