Film

Das Drama "Herzjagen" mit Martina Gedeck ist in der ARD zu sehen

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mo, 15. Juni 2020 um 20:10 Uhr

Kultur

Zwischen Lebenslust und Todesfurcht: Das Drama "Herzjagen" mit Martina Gedeck ist ein typisch österreichischer Film. Und das im besten Sinne.

Man könnte böse sagen, "Herzjagen" von Elisabeth Scharang sei ein überspannter, ein halt typisch österreichischer Film. Einer, der nicht reale Probleme verhandelt, sondern psychische: Hysterie, Übertragung, Projektion, Angst, Todessehnsucht. Aber sind das nicht auch ganz reale Probleme des Lebens? Und hat man sich im Mutterland der Psychoanalyse vielleicht einfach mehr Sensibilität bewahrt für die Leiden jenseits organischer Krankheiten und politischer oder ökonomischer Zwänge?

Ja, die Adaption von Julya Rabinowichs Roman "Herznovelle" ist ein typisch österreichischer Film. Im besten Sinne. Weil die in der Steiermark geborene Regisseurin, Drehbuchautorin und Moderatorin, die zuletzt mit dem Porträt eines Mörders ("Jack", 2015) von sich reden machte, so viel Sinn hat für die dunklen Seiten der Conditio Humana, für Verstörung, Irritation und den Verlust aller Sicherheiten. Und weil sie dafür eine so kongeniale Darstellerin gewinnen konnte: Martina Gedeck. Die kann ja alles, Ulrike Meinhof und die Geliebte eines DDR-Bonzen, die bezaubernde Gourmetköchin Bella Martha und die verzweifelte Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die Mutter der Anne Frank und die Frau, die durch eine Wand von aller Zivilisation getrennt ist. Es gibt nichts, was die Gedeck nicht kann – außer oberflächlich.

Das Zentrum ging verloren

Hier spielt sie die Architektin Caroline Binder, die mit ihrem liebevollen Ehemann Sebastian (Rainer Wöss) ein schönes Zuhause irgendwo in Wien bewohnt, umsorgt, materiell gesichert, sozial eingebunden. Berufstätig ist sie nicht, weil sie an einer Herzinsuffizienz leidet, und als die schlimmer wird, rät ihr Arzt Paul Hoffmann (Anton Noori) dringend zur Operation. Caroline wehrt sich zunächst massiv gegen die OP, schließlich ist so ein großer Eingriff sehr gefährlich, und überhaupt war sie mit ihrem bisherigen Leben im Schongang doch ganz zufrieden. Dann aber willigt sie doch ein, und es geht auch alles gut. Äußerlich zumindest, innerlich nicht. Sie kommt mit ihrem neuen Leben nicht zurecht, wird wunderlich, unberechenbar und von Panikattacken heimgesucht. Sie entfremdet sich von Sebastian und sich selbst, gerät total aus dem Takt und beginnt, Dr. Hoffmann zu stalken, den Mann, der sie sozusagen im Innersten berührt hat. Der Satz des Arztes, das Herz sei das Zentrum von allem, bekommt postoperativ eine fatale Bedeutung: Caroline hat ein gesundes Herz, aber ihr Zentrum verloren.

Elisabeth Scharang und ihr Kameramann Jörg Widmer finden dafür betörende Bilder zwischen Burleske und Psychothriller. Und Martina Gedeck ist schlichtweg fantastisch als orientierungslose Raumfahrerin ohne Kapsel und Kosmos, die nicht weiß, wohin die Reise geht und ob sie sie nicht besser ganz beenden soll. Zurückgeholt ins Leben wird sie dann ausgerechnet von einer Frau, die selbst an der Schwelle des Todes steht, der krebskranken Psychiaterin Erika Pielach (Ruth Brauer-Kvam).

Der subtile Spiel der beiden Frauen macht "Herzjagen" zu einem sehenswerten Drama über Lebenslust und Todesfurcht, über Verantwortung und Mut und die Angst als überbewertetes Gefühl. Wenn sowas österreichisch ist, dann wollen wir gerne mehr österreichische Filme sehen.

"Herzjagen" (Regie: Elisabeth Scharang) läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD.