Ersatzteile in Schanghai bestellt

Stefan Ammann

Von Stefan Ammann

Di, 20. April 2021

Auto & Mobilität

Der Fahrradbestand in Deutschland wächst rasant – hochwertige Modelle sind stark nachgefragt / Wartezeiten bei Reparaturen.

Das Fahrrad ist ein Krisengewinner. Die Deutschen besitzen heute um die zehn Millionen mehr Fahrräder als noch vor zehn Jahren. Pedelec und E-Bike machen das zweirädrige Fortbewegungsmittel auch für Menschen attraktiv, die sich früher eher nicht aufs Rad gesetzt haben. Die Corona-Krise hat diesen Trend noch einmal angeheizt. Viele Menschen meiden Bus und Bahn – oder wollen in der Freizeit raus ins Freie. Eine Folge: Kunden müssen sich vor allem bei Reparaturterminen auf lange Wartezeiten einstellen.

Fahren die Deutschen in der
Corona-Krise mehr Fahrrad?

Bei einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Jahr 2020 gaben 18 Prozent der Befragten an, dass sie in der Corona-Krise mehr zum Rad greifen als zuvor. In einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs sagten sogar mehr als die Hälfte der Radfahrer, dass sie nun häufiger radfahren. In der Pandemie versuchen viele Menschen, Busse und Bahnen zu meiden. In Zeiten von Lockdowns und Abstandsgeboten wächst zudem der Wunsch nach Freizeit und Sport an der frischen Luft.

Werden mehr

Fahrräder gekauft?
Der Fahrradbestand in Deutschland ist im vergangenen Jahr von 75,9 Millionen auf 79,1 Millionen Stück gewachsen, schätzt der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Die Verkaufszahlen von Fahrrädern und E-Bikes sind 2020 förmlich emporgeschnellt. Wurden nach Angaben der Branchenverbände im Jahr 2019 in Deutschland noch rund 4,3 Millionen Räder verkauft, waren es im folgenden Jahr mit einem satten Plus von gut 17 Prozent rund fünf Millionen Stück. Dieser Zuwachs ist fast vollständig aufs E-Bike zurückzuführen. Dort sprangen die Zahlen von 1,4 Millionen auf zwei Millionen verkaufte Stück. 6,4 Milliarden Euro Umsatz machte die Branche mit Fahrrädern und E-Bikes. Das bedeutete ein Plus von überragenden 61 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zusammen mit Fahrradzubehör wurden fast zehn Milliarden Euro umgesetzt.

Wie sehen die Zahlen beim
Import und Export aus?

Der deutsche Fahrrad- und E-Bike-Export ist im vergangenen Jahr um acht Prozent auf 1,57 Millionen Stück gestiegen. Laut ZIV waren auch im Auslandsgeschäft E-Bikes mit einem Plus von 15 Prozent auf 610 000 Stück der große Wachstumstreiber. Der Import klassischer Fahrräder sank um acht Prozent auf 2,7 Millionen Stück, meldet das Statistische Bundesamt. Kambodscha ist für Deutschland der wichtigste Lieferant unmotorisierter Räder, gefolgt von Polen und Bangladesch. Die wichtigsten Abnehmer von klassischen Fahrrädern waren die Niederlande und Österreich.

Wie ist die Stimmung bei
den Fahrradhändlern?

Das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) hat im Sommer 2020 einen Zufriedenheitswert von 95 bei möglichen 100 Punkten bei Fahrradhändlern ermittelt. Und während der Ifo-Geschäftsklimaindex im März 2021 für den gesamten Einzelhandel schlecht ausfiel, bildeten Fahrradhändler eine positive Ausnahme. Der Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) meldet 35 Prozent mehr Gesamtumsatz. Dazu trug nicht nur alleine der E-Bike-Boom bei. Auch beim Zubehör wie beispielsweise Helmen, Bekleidung und Ersatzteilen sowie im Werkstattservice gab es zweistellige Zuwachsraten.
Kommt das unmotorisierte
Fahrrad aus der Mode?

Bei den klassischen Rädern stagniert der Absatz seit einigen Jahren. Im Zehnjahresvergleich sind die verkauften Stückzahlen leicht zurückgegangen. Bei der inländischen Produktion gab es im vergangenen Jahr sogar einen Einbruch um 14 Prozent. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden 1,3 Millionen klassische Fahrräder produziert, 2019 waren es noch 1,5 Millionen gewesen. Im Fahrradfachhandel erfreuen sich die Varianten ohne Motor aber nach wie vor großer Beliebtheit. Vom Citybike bis zum Kinderrad sei alles stark nachgefragt, schreibt der Handelsverband VDZ.

Wohin geht der Trend beim Rad?
Vor allem hochwertige und teure Markenräder werden stark nachgefragt. Beim E-Bike stehen Trekkingräder hoch im Kurs. Auch sportliche Varianten als Mountainbike oder Rennrad sind gefragt. Motorisierte Lastenfahrräder verkaufen sich besonders in den Städten gut. "Damit ist das E-Bike in nahezu allen Altersklassen und Fahrradtypen angekommen", heißt es vom VDZ. Leasingmodelle, die seit längerem schon vom Auto bekannt sind, setzten sich zunehmend auch beim Fahrrad durch. Der Freiburger Leasing-Spezialist Jobrad will seine Mitarbeiterzahl bis Ende des Jahres auf 600 ausbauen – vor drei Jahren waren es noch 160.

Müssen sich Kunden weiter

auf lange Wartezeiten einstellen?

Im Fahrradhandel werden die Kontingente grundsätzlich fürs kommende Jahr geplant und geordert. Nachbestellungen in der Saison seien deshalb nur begrenzt möglich, schreibt der Zweiradhandelsverband. Wer ein besonders gefragtes Modell im Blick hat oder sich sein Rad individuell zusammenstellen will, muss sich mancherorts auf längere Lieferzeiten einstellen. Auch die Fahrradhändler in Südbaden spüren die hohe Nachfrage. "Wir bekommen kaum Fahrräder", sagt Hans-Joachim Kleine, Geschäftsführer von Mount 7 aus Freiburg. Noch sei das Lager allerdings gut gefüllt. "Wir haben aber bereits jetzt Modelle für 2022 bestellt. Wenn wir bis im Sommer warten, bekommen wir sie nicht mehr", sagt Kleine.

Auch bei Reparaturen müssen sich Kunden eventuell auf längere Wartezeiten einstellen. "Wir können momentan viele Reparaturen nicht durchführen, weil wir keine Ersatzteile bekommen", sagt Fahrradhändler Andreas Bieg aus Lörrach. Verschleißteile wie Bremsbeläge, Ketten und Zahnkränze seien je nach Modell rar. "Wir haben sogar Teile aus Schanghai per Luftfracht geordert", erzählt Bieg.

Sind Fahrräder teurer geworden?
Eine steigende Nachfrage und knappe Bestände führen grundsätzlich immer zu höheren Preisen. Bei Fahrrädern sind diese im vergangnen Jahr von durchschnittlich 929 Euro auf 1279 Euro pro Stück geklettert. Allerdings spielt hier auch der gestiegene Anteil von deutlich teuereren E-Bikes eine entscheidende Rolle. Diese kosteten im Schnitt rund 3000 Euro, während es Fahrräder ohne Motor schon für durchschnittlich 630 Euro gab.

Gibt es mehr Fahrradunfälle?
Obwohl die Zahl der Verkehrsunfälle in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr insgesamt um 17,7 Prozent zurückgegangen ist, zeigt die Polizeistatistik einen deutlichen Anstieg bei den Fahrradunfällen. Waren es 2019 noch 11 440 Radunfälle auf Baden-Württembergs Straßen, lag die Zahl im Jahr 2020 bei 12 406. Das ist ein Anstieg von mehr als acht Prozent. Besonders markant ist die Zunahme bei den Pedelec-Fahrern. Dort gab es 39 Prozent mehr Unfälle. 58 Radfahrer starben im Straßenverkehr. In Freiburg verunglückten laut Statistischem Landesamt im vergangenen Jahr 656 Fahrradfahrer – der Spitzenwert in Baden-Württemberg, aber trotzdem ein leichter Rückgang zum Vorjahr. Auf Platz zwei folgt der Ortenaukreis mit 599 verunglückten Radfahrern.