"Das hier ist nicht die Apokalypse"

André Anwar

Von André Anwar

Fr, 20. März 2020

Ausland

IM PROFIL:Richard Hatchett, der Chef der Impfstoffallianz Cepi in Oslo, koordiniert die weltweite Covid-19-Impfstoffentwicklung.

Richard Hatchett schläft dieser Tage nicht besonders gut, räumte er jüngst ein. Er ahnt vielleicht, dass er derzeit weltweit einer der wichtigsten Menschen sein könnte. "Bereits in zwölf bis 18 Monaten wird es einen wirksamen und sicheren Covid-19-Impfstoff geben, der breit genutzt werden kann", sagte Hatchett in einem seiner seltenen Interviews in einer norwegisch-schwedischen Talkshow. "Wir arbeiten so schnell wir können. Derzeit haben wir sechs Impfstoffe in der Entwicklung. Ein paar weitere kommen noch hinzu. Einige werden schon in den kommenden Wochen klinisch getestet." Er wirkt dabei zurückhaltend. Ein nüchterner Wissenschaftler, der offenkundig nicht gern im Rampenlicht steht.

In Norwegens Hauptstadt Oslo leitet der US-Arzt, Epidemiologe und Ex-Berater der US-Präsidenten George W. Bush und Barack Obama die einflussreiche Epidemiebekämpfungsallianz Cepi (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations). Auch der in Tübingen ansässige deutsche Impfstoffentwickler Curevac, der unter anderem mit Hilfe des Geldes des nordbadischen Mäzens Dietmar Hopp forscht, ist Teil von Hatchetts Förderprogramm.

"Hunderte von Millionen" Impfstoffdosen würden so bald wie möglich weltweit an die bedürftigsten Risikogruppen, also die Alten und Kranken, verteilt, sagte Hatchett im Fernsehen. Ihm sei es besonders wichtig, dass Bedürftige in reichen und in armen Ländern den Impfstoff gleichzeitig bekommen – anders als bei der Schweinegrippe, als wenige reiche Länder sich den Impfstoff zuungunsten anderer Nationen gesichert hatten.

Seit China im Januar die Covid-19-Gensequenz veröffentlichte, arbeitet Hatchett gegen die Zeit, um Menschenleben zu retten. Über 48 Bewerbungen von Impfstoffentwicklern musste er entscheiden. Wer bekommt wie viel Geld? Wie wird die Arbeit effektiv koordiniert? "Ich fühle eine enorme Verantwortung auf mir. Wir wurden darum gebeten, uns eines monumentalen Projektes anzunehmen", sagt der Familienvater, der noch immer jeden Morgen mit dem Zug ins Cepi-Hauptquartier in Oslo fährt. "Einen Impfstoff in kurzer Zeit zu entwickeln, ihn in ausreichender Menge zu produzieren und dafür zu sorgen, dass er zu den Menschen in der ganzen Welt gelangt – so etwas wurde noch nie zuvor gemacht", sagt er. Normalerweise dauert die Herstellung eines Impfstoffs mehrere Jahre.

Aber wie kann Hatchett das alles so schnell schaffen? "Wir machen einfach alles gleichzeitig", sagt er. Zum einen gehe es um die Entwicklung sowie um eine schnell anlaufende Massenproduktion und Distribution weltweit, zum anderen um eine zeitsparende Koordinierung mit den national aufgeteilten Zulassungsbehörden.

Auch wenn der Wettlauf um einen Impfstoff derzeit in staatlichen und privaten Laboratorien in der ganzen Welt ausgetragen wird, stehen hinter Hatchetts Cepi besonders viel Geld und Einfluss, um einzelne Anstrengungen effektiv und weltweit zu finanzieren und zu bündeln.

Seine Impfstoff-Koalition Cepi wurde 2017 in Davos gegründet, unter anderem mit Mitteln aus einzelnen Nationen, vor allem aus Norwegen. Aber auch Deutschland, Japan und weitere Länder waren früh mit im Boot. Hinzu kommt die Melinda- und Bill-Gates-Stiftung und die britische Wellcome-Forschungs-Stiftung. Auch die Pharmaindustrie ist beteiligt.

Derzeit verfügt Hatchett über 750 Millionen Dollar. Nun aber bittet er die Weltgemeinschaft um mehr. "Es geht um zwei Milliarden Dollar. Diese Ressourcen haben wir trotz unserer generösen Spender derzeit nicht", sagt er. "Wenn man sieht, wie sich der Virus weltweit ausbreitet, kolossale wirtschaftliche Schäden verursacht und ganze Volkswirtschaften niederstreckt, sind zwei Milliarden Dollar ein guter Deal", sagt er.

Bei der Frage, ob Hatchett selbst Hamsterkäufe für seine Familie getätigt hat, muss er bei seinem TV-Auftritt das erste Mal lachen. Seine Familie habe für den Fall einer Ansteckung genug daheim. "Aber wir haben keine Angst. Das hier ist nicht die Apokalypse. Das ist ein Virus mit dem Potenzial, viele gleichzeitig krank zu machen. Diese Belastung für die Gesellschaft wollen wir verhindern."