"Das ist ein tödliches Zeug"

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Fr, 11. September 2020

Ausland

Enthüllungsbuch offenbart, dass US-Präsident Donald Trump früh um die Gefahren des Coronavirus wusste – und sie gezielt leugnete.

. Sean Hannity ist Moderator, beschäftigt bei Fox News, dem Haussender der amerikanischen Konservativen. Auf Hannity, weiß Donald Trump, kann er sich jederzeit verlassen. Der Fernsehmann versteht sich als wohlwollender Berater, bisweilen auch als Stichwortgeber des Präsidenten. Kritisches Nachhaken ist nicht seine Sache, oft klingt er, als wäre er ein Regierungssprecher, der allem, was das Kabinett tut, den richtigen Dreh zu geben versucht. Gerät Trump in Erklärungsnot, lässt er sich bei Hannity zuschalten, um sich zu rechtfertigen. So auch am Mittwochabend, als er zur besten Sendezeit betonte, dass er ein Cheerleader für sein Land sei und daher keine Panik auslösen wolle. "Ich kann ja nicht hektisch herumspringen und den Leuten Angst einjagen."

Wieder ist es ein Buch Bob Woodwards, des Reporters, der mit Carl Bernstein den Watergate-Skandal aufdeckte, das einen Präsidenten in Verlegenheit bringt. In "Rage" veröffentlicht er akribische Recherchen über das Leben hinter den Kulissen der Macht. Er zeigt Trump als Scharlatan, der früh um die Gefahren des Coronavirus wusste und dennoch Beruhigungspillen verteilte.

Joe Biden, dem Rivalen im Duell ums Weiße Haus, liefern die Enthüllungen knapp zwei Monate vor der Wahl höchst willkommene Munition. Während der Amtsinhaber alles tut, um von Versäumnissen beim Umgang mit der Pandemie abzulenken, bleibt das fahrlässige Krisenmanagement für Biden das zentrale Thema. Trump habe das amerikanische Volk angelogen, kommentiert er, was in Auszügen vorab aus "Rage" veröffentlicht wurde. Er habe die Amerikaner betrogen, obwohl es um Leben oder Tod ging.

Die Zeitschiene beginnt mit Robert O’Brien, Trumps Sicherheitsberater, der Ende Januar in kleiner Runde warnte: "Dies ist die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit, mit der Sie es in Ihrer Amtszeit zu tun haben". Am 7. Februar räumte der Präsident gegenüber Woodward ein, das Risiko sei deutlich höher, als er vor Publikum zugeben wolle. Man atme es mit der Luft ein, das Virus, das viel gefährlicher sei als selbst die schlimmste Grippe. "Das ist tödliches Zeug", sagte Trump, während er nach außen so tat, als wäre Sars-CoV-2 vergleichbar mit einem ganz normalen Grippe-Erreger.

In den vier Wochen danach stimmte er seine Anhänger bei fünf Kundgebungen auf den Wahlkampf ein, jeweils in geschlossenen Räumen, großen Hallen, ohne den leisesten Warnhinweis zu geben. Das Virus werde wie durch ein Wunder verschwinden, orakelte er noch Ende Februar, ehe er in der zweiten Märzwoche den Schalter umlegte und endlich Klartext redete.

Er habe die Gefahr heruntergespielt, gab er am 19. März bei einem weiteren Treffen mit Woodward zu, "und ich will sie noch immer herunterspielen, weil ich keine Panik auslösen möchte". Am 31. März verteidigte er sein Krisenmanagement vor der Presse mit den Worten, dass man zunächst nicht wissen konnte, wie ansteckend das Virus sei: "Es ist so unglaublich ansteckend, und keiner hat das gewusst."

Diesmal, das unterscheidet den Fall von anderen, kann sich Trump nicht darauf hinausreden, falsch wiedergegeben worden zu sein. Von Dezember 2019 bis Juli 2020 hat Woodward 18 Interviews mit ihm geführt, neun Stunden lang, und alles mitgeschnitten. So war denn auch, als die "Washington Post" auszugsweise ins Netz stellte, was ihr einstiger Starreporter auf Band hatte, O-Ton Trump zu hören. Die Absprache mit dem Weißen Haus besagte, "on the record" zu reden, so, dass man zitieren und die Quelle benannt werden darf.