Das Jahr, in dem der Krieg begann

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Mi, 11. September 2019

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Frederick Taylor beschreibt, wie die Menschen 1939 in Großbritannien und Deutschland lebten.

Als vor fünf Jahren des Beginns des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 gedacht wurde, stand im Mittelpunkt der Diskussion die Frage: Wie konnte das geschehen? Zur Erklärung bediente man sich des Bildes, die politisch und militärisch Verantwortlichen seien Schlafwandler gewesen, die die Konsequenzen ihres Tuns nicht gesehen hätten.

Dieses Bild hatten indes schon Zeitgenossen des Kriegsausbruchs 1914 benutzt. 25 Jahre später, 1939, war das anders. Ganz Europa wusste nun, was ein moderner Krieg auf dem Kontinent bedeuten würde. Doch das brachte Adolf Hitler nicht von seiner Entschlossenheit ab, Krieg zu führen. Nach außen hin freilich beteuerten er und seine Propagandamaschinerie die Friedensliebe – es gehe nur darum, Deutschland wiederzugeben, was ihm der Versailler Vertrag genommen habe.

Die Unverfrorenheit, mit der Hitler auftrat, brachte die ehemaligen Kriegsgegner zum Einlenken, im Gegensatz zu allen Bittgesuchen der Regierungen der Weimarer Republik. Neville Chamberlain, der britische Premier, war 1938 wegen der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg das Münchner Abkommen mit Hitler eingegangen – die Politik des Appeasement, der Beschwichtigung, hielt er für das Richtige, um einen neuerlichen Krieg zu vermeiden.

Hitlers aggressives Verhalten hatte politischen Erfolg

Frederick Taylor, britischer Historiker und Journalist, hält von der Appeasementpolitik und insbesondere von Chamberlain nicht viel. In seinem neuen Buch "Der Krieg, den keiner wollte" zeichnet er nach, welche Spuren das Münchner Abkommen bis zum Kriegsbeginn hatte, in der deutschen wie in der britischen Gesellschaft. Die Briten hatten daraus den Schluss gezogen, dass sich der Krieg – den in der Tat die meisten offenbar nicht wollten – vermeiden ließ. Und Deutsche lernten daraus, dass Hitlers aggressives Auftreten Erfolg hatte.

Freilich muss man dem Titel des Buches widersprechen. Hitler und seine Getreuen wollten den Krieg auf alle Fälle, weil nur so ihre Osteuropaphantasien zu realisieren waren. Und gewiss – manche Deutsche hielten es für angebracht, notfalls mit Waffengewalt die Niederlage von 1918 zu revidieren. Der englische Originaltitel von Taylors Buch – "1939: A People’s History" beschreibt viel korrekter und ohne die Aufgeregtheit des deutschen Untertitels ("Eine andere Geschichte des Jahres 1939") Taylors Vorhaben: Er will anhand von Tagebüchern, Briefen, Memoiren, Meinungserhebungen und Spitzelberichten erzählen, was die Menschen in Großbritannien und in Deutschland dachten über die aktuelle Weltlage. Zudem bietet er Einblicke in den Alltag, über die Stellung der Frauen, über die Judenverfolgung im Dritten Reich, aber auch über die Anfänge des Fernsehens, die Urlaubsgewohnheiten der Briten im Sommer 1939 und die Reiseangebote der NS-Organisation "Kraft durch Freude".

Es ist Geschichte von unten, geschrieben mit dem Wissen um die große Geschichte und dazu von einem Autor, der als Journalist in der Lage ist, eine "historische Reportage" zu schreiben. Deshalb ist das Buch gut zu lesen, verbindet auf interessante Weise Selbstauskünfte wiederkehrender Personen mit der politischen Entwicklung. Taylor will vor allem ein Zeitpanorama bieten aus der Sicht der einfachen Leute – durchaus eine Modeerscheinung im historischen Gewerbe.

So mangelt es andererseits an analytischen Passagen, die die Aussagekraft der ja stets eher zufälligen Quellen in den großen Kontext stellten. Eine "andere Geschichte" ist Taylors Darstellung deshalb nicht: Sie zeigt nur, dass viele Fehleinschätzungen etwa der Briten von einfachen Landsleuten ebenso geteilt worden sind wie von Politikern. In Deutschland andererseits gab es einen enormen Informationsdruck durch eine gleichgeschaltete Presse, für die Taylor vor allem aus der Freiburger Zeitung zitiert – als Beleg, wie selbst fernab der Hauptstadt die NS-Propaganda funktionierte. Noch eine zweite Quelle aus Südbaden hat der Brite genutzt: Das Emmendinger Tagebucharchiv lobt er als sehr ergiebig.

Die NS-Propaganda hatte, so Taylors Einschätzung, vor dem Münchner Abkommen wenig Erfolg: Hitler habe persönlich erfahren müssen, dass die Deutschen im November 1938 nicht kriegsbereit waren. Das änderte sich aber im Sommer 1939, als immer wieder Berichte über Gräuel, die angeblich Polen den Deutschen in ihrem Land angetan hätten, und über Grenzverletzungen durch das von Joseph Goebbels gesteuerte Nachrichtenbüro verteilt – und in der Freiburger Zeitung kaum verändert abgedruckt – wurden (BZ vom 31. August).

Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 schien vielen Deutschen darum gerechtfertigt – aber begeistert waren die wenigsten: "Die Stimmung der Bevölkerung ist überhaupt wenig gut; niemand will den Krieg", zitiert Taylor den Breslauer Willy Cohn, einen jüdischen Historiker – der aber kurze Zeit später auch schreibt: "Ich halte seine [Deutschlands] Sache trotz allem für gerecht." Darin deutet sich eine innere Zerrissenheit vieler Deutscher an zwischen der Ablehnung des Krieges und dessen vermeintlicher Notwendigkeit, um ihrem Land zur Gerechtigkeit zu verhelfen.

Frederick Taylor: Der Krieg, den keiner wollte. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Heide Lutosch. Siedler Verlag, München 2019. 432 Seiten, 30 Euro.