Das mysteriöse Sterben der Dickhäuter

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Mo, 06. Juli 2020

Panorama

In Botsuana geben zahlreiche Todesfälle von Elefanten Rätsel auf / Wilderer nicht unter Verdacht / Corona-Pandemie Verursacher?.

Ein mysteriöses Elefantensterben im südafrikanischen Safari-Paradies Botsuana stellt Tierschützer und Regierung vor Rätsel. In den vergangenen Wochen wurden laut Behördenangaben 275 tote Elefanten im nordwestlich gelegenen Okavango-Delta gezählt. In anderen Berichten von Tierschützern ist sogar von 356 Kadavern die Rede. Wilderei wurde ausgeschlossen, da die toten Tiere mit intakten Stoßzähnen gefunden wurden .

Die Tierschutzorganisation "Elephants Without Borders" (EWB) will in den vergangenen acht Wochen 356 tote Elefanten im Norden Botswanas gezählt haben. Aus einem der Presse zugespielten vertraulichen Bericht der Organisation von Mitte Juni geht hervor, dass 30 Prozent der Kadaver höchstens zwei Wochen, 70 Prozent nicht mehr als einen Monat alt gewesen seien. Die botswanische Tierschutzbehörde bestätigte den Tod von 275 Elefanten, Ranger bemühten sich derzeit darum, das ganze Ausmaß des Massensterbens zu erfassen, sagte der Direktor der Behörde, Cyril Taolo. Fachleute sprechen von einem "beispiellosen Desaster". Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Phänomen mit der Corona-Pandemie zusammenhänge, sagte der Direktor der britischen Naturschutzorganisation "National Park Rescue", Niall McCann.

Die Ursachen des nördlich des Okavango-Deltas im äußersten Norden Botswanas beobachteten Massensterbens sind noch im Dunkeln. Botswanas Tierschutzbehörde sandte nach eigenen Angaben bereits Proben der Elefanten-Kadaver in internationale Labors, wegen der Corona-Pandemie käme es jedoch zu starken Verzögerungen, hieß es. Womöglich könne man erst in Wochen mit Ergebnissen rechnen. Wilderei wurde als Ursache des Massentodes ausgeschlossen: Keinem der Kadaver wurden die Stoßzähne abgesägt. Auch eine Vergiftung mit Zyanid kann nicht der Grund für ihren Tod sein: In diesem Fall wären auch zahlreiche andere Tiere, vor allem Geier und Hyänen, verendet. Schließlich wurde auch eine Vergiftung mit Anthrax-Bakterien nach Tests ausgeschlossen.

Der EWB-Bericht enthält detaillierte Schilderungen des Elefantensterbens. Die kranken Tiere machten einen lethargischen und desorientierten Eindruck, bei ihrem Tod knickten die Dickhäuter oft mit den Vorderfüßen ein und stürzten vornüber auf ihr Gesicht. Ein Dickhäuter sei beobachtet worden, wie er ständig im Kreis lief, bevor er tot zusammenbrach. Seine Artgenossen hätten vergeblich versucht, ihn auszurichten. Betroffen seien beide Geschlechter und fast alle Altersgruppen der Elefanten. Nur tote Babys wurden offenbar keine gefunden. Naturschützer McCann hält es für möglich, dass die Krankheit das zentrale Nervensystem der Elefanten angreift, was auf einen Virus – womöglich sogar Sars-CoV-2 – schließen lasse. Der Vorfall habe "das Potential einer Gefährdung der öffentlichen Gesundheit", sagte McCann. Gegenüber dem britischen Guardian drückte die Geschäftsführerin der Londoner Environmental Investigation Agency, Mary Rice, ihre Verwunderung darüber aus, dass die botswanische Regierung so spät und nur halbherzig tätig geworden sei. Ein Vorwurf, den Botswanas oberster Veterinär allerdings zurückwies.

Im vergangenen Jahr war in Botswana eine heftige Debatte ausgebrochen, weil der seit zweieinhalb Jahren regierende Präsident Mokgweetsi Masisi die Jagd auf Elefanten wieder erlaubte. Botswana leide an einer Überbevölkerung der Dickhäuter, begründete der Staatschef seine Entscheidung. Elefanten trampeln nicht selten die Felder von Wildpark-Anwohnern nieder, vereinzelt kommen beim Kontakt mit ihnen Menschen ums Leben. Den Bann hatte Masisi Vorgänger Ian Karma im Jahr 2014 erlassen.

Mit 130 000 Elefanten leben fast ein Drittel aller afrikanischen Rüsseltiere in Botswana. Während ihre Zahl auf dem Kontinent drastisch sinkt, nahm sie in dem südafrikanischen Staat seit den 1990er Jahren um mehr als die Hälfte zu.