Krieg in der Ukraine

Das Schicksal der 2500 Kämpfer von Mariupol ist ungewiss

Andreas Stein und Ulf Mauder

Von Andreas Stein und Ulf Mauder (dpa)

So, 22. Mai 2022 um 19:40 Uhr

Ausland

Die letzten ukrainischen Kämpfer im Asow-Stahlwerk in Mariupol haben aufgegeben. Russlands Präsident Putin feiert dies als großen Kriegserfolg. Den Soldaten könnte schlimmstenfalls die Todesstrafe drohen.

Wie Siegestrophäen präsentiert das russische Verteidigungsministerium in einem Video die gefangenengenommenen letzten ukrainischen Verteidiger von Mariupol. Vor der Kulisse des Stahlwerks Asovstal stehen die Männer, teils mit Bärten, in Reih und Glied. Ihre Gesichter sind ausgebleicht nach Wochen ohne Sonne in den Bunkeranlagen der Industriezone.

Das Staatsfernsehen in Moskau schwärmt von einer "beispiellosen Operation" – zur "Befreiung" des Stahlwerks, einer "Festung", und der kompletten Übernahme der strategisch wichtigen Hafenstadt, die fast vollständig zerstört ist. Auch im ukrainischen Internet kursieren die russischen Aufnahmen von den Männern und Frauen. Dort überwiegt die Freude über ihre Rettung die Trauer über die Niederlage.

Für die Ukraine ist es der schwerste Verlust in dem Krieg, den Kremlchef Wladimir Putin am 24. Februar begonnen hat. Die Stadt mit einst fast 500 000 Einwohnern galt seit Wochen weltweit als Symbol des ukrainischen Widerstandes gegen Russland. Das ist nun vorbei – auch, weil aus Sicht des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj der Westen nicht früher schwere Waffen lieferte.

Ukrainischer Präsident setzt auf Gefangenenaustausch

Eltern und Ehepartner haben seit Tagen im In- und Ausland um die Rettung der letzten Verteidiger von Mariupol gebeten. Das Flehen der Ehefrauen und Mütter bei Pressekonferenzen, die Demonstrationen in vielen Ländern sind im Internet allgegenwärtig. Am Freitagabend dann teilte Moskau mit, alle Kämpfer hätten sich ergeben und würden versorgt. Fast 2500 Verteidiger von Mariupol – darunter fast 80 Frauen – sollen in Gefangenschaft sein.

Putin hat zugesichert, sie blieben am Leben, wenn sie sich ergeben. Selenskyj setzt daher fest auf einen Gefangenenaustausch. Aber viele russische Politiker sind dagegen, fordern Prozesse zur Verurteilung der angeblichen "Nazi-Verbrecher".

Kriegsgefangene sind laut humanitärem Völkerrecht vor Gewalt, Einschüchterungen, Beleidigungen und öffentlicher Neugier zu schützen. Sie haben Anspruch auf Achtung ihrer Person und Ehre.

Russische Medien nutzen den Moment, als die letzten Männer das Werk verlassen, um sie erneut als "Neonazis" zu brandmarken. Sie müssen sich vor Kameras ausziehen, Tätowierungen sind zu sehen. Gezeigt werden Totenköpfe und Hakenkreuze, aber auch ein Bild von Nazi-Diktator Adolf Hitler.

Den Gefangenen könnte die Todesstrafe drohen

Bei einer Anklage wegen Kriegsverbrechen droht den Gefangenen in dem von prorussischen Separatisten kontrollierten Donezker Gebiet, wo Mariupol liegt, die Todesstrafe.

Die Großstadt ist der letzte Punkt an der Küste des Asowschen Meeres, der nun komplett von den russischen Kräften kontrolliert wird. Damit können die von Russland anerkannten Separatisten-Republiken Luhansk und Donzek eigenständig bleiben. Sie haben Zugang zu den Weltmeeren – und können über den gut ausgebauten größten Hafen der Region ihre Produktion unabhängig von russischen Landrouten auf dem kostengünstigen Wasserweg exportieren.

Laut ukrainischem Generalstab hat der "Feind" mit der Räumung von Minen begonnen, um den Hafen wieder funktionstüchtig zu machen. Die Militärführung in Kiew geht davon aus, dass die prorussischen Kräfte mit Hilfe Moskaus nun ihren Vormarsch in den Gebieten Luhansk und Donezk verstärken, um den gesamten Donbass komplett der ukrainischen Kontrolle zu entreißen. Es geht ihnen dort auch um eine feste Landverbindung zu der von Russland 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim.

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