"Das System ist unsittlich"

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 18. Juli 2009

Deutschland

BZ-Gespräch mit Heiner Geißler, früher CDU-Generalsekretär, heute Kapitalismuskritiker, über Wege und Lehren aus der Krise / Von Stefan Hupka

Er war einmal der Lieblingsfeind der Linken. Wenn man Heiner Geißler, Kanzler Kohls Mann fürs Grobe, heute so hört, könnte man meinen, die letzten Linken Deutschlands genössen Asyl bei der CDU. Mit dem 79-Jährigen sprach Stefan Hupka über Wirtschaftsethik, Wahlkampf und Wege aus der Krise.

BZ: Herr Geißler, vor elf Monaten, als Lehman Brothers bankrott gingen, haben Sie gefordert, die Regierungen müssten "endlich aufwachen", um eine neue Wirtschaftsordnung zu bauen. Ist das nach Ihrer Beobachtung inzwischen der Fall?
Geißler: Nun gut, einige reiben sich noch immer den Sand aus den Augen. Andere dagegen scheinen es sich schon wieder bequem machen zu wollen, hier allerdings vor allem die Krisenstifter, die Banken. Ich warte immer noch auf die Konsequenzen, die aus dieser Katastrophe gezogen werden.
BZ: Die EU-Kommission hat diese Woche einen Gesetzentwurf zur Begrenzung der Bankerboni und exzessiven Gehaltsanreize vorgelegt. Ist das nichts?
Geißler: Doch. Diese Boni haben die Einkommen der Manager abhängig gemacht vom Aktienwert der Firma, von kurzfristigen Werten. Ein Unternehmer muss aber das langfristige Wohl des Unternehmens im Auge haben, sonst wird er zum Spekulanten.
BZ: Funktionieren denn Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht nur mit Anreizsystemen?
Geißler: Das "nur" ist eben falsch. Ein System, bei dem die Menschen Kapitalinteressen zu dienen haben, und zwar ausschließlich, ist unsittlich und auch nicht konsensfähig.
BZ: Wie erklärt sich die relative Ruhe, mit dem ein solches System momentan erduldet wird?
Geißler: Die Menschen vertrauen im Moment der Politik und dem Sozialstaat – noch –, deshalb gehen sie nicht auf die Straße. Die Politik hat ja auch gehandelt, Konjunkturprogramme und die Garantien für die Banken waren als Notbremse richtig. Aber wenn die Politik die Menschen jetzt enttäuscht, weil etwa Vereinbarungen der G ...

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