Zischup-Interview

"Das System Leben ist enorm komplex"

Leonie Marie Mittler, Klasse MRS 8, St. Ursula Schulen

Von Leonie Marie Mittler, Klasse MRS 8, St. Ursula Schulen (Freiburg)

Mi, 23. Mai 2018 um 00:00 Uhr

Schülertexte

Was genau macht eigentlich ein Biochemiker. Leonie Marie Mittler aus der Klasse MRS 8 der St. Ursula Schulen in Freiburg hat das ihren Vater G. Mittler gefragt. Ein Interview.

Zischup: Seit wann weißt du, dass es dein Traumberuf ist, als Biochemiker zu arbeiten?
G. Mittler: Schon als Kind habe ich mich sehr für Naturvorgänge interessiert. Beispielsweise konnte ich Stunden damit verbringen, die Frösche, Molche und Libellen im Gartenteich zu beobachten. In der elften und zwölften Klasse wurde mir klar, dass es noch viel interessanter wäre, die physikalisch-chemischen Grundlagen der Lebensvorgänge zu verstehen.
Zischup: Wieso wolltest du genau diesen Beruf erlernen?
Mittler: Zum einen hat mich der Studiengang Biochemie sehr interessiert, weil man in diesem die ideale Kombination an physikalischem, chemischen und biologischem Fachwissen vermittelt bekommt, um die molekularen Grundlagen des Lebens erforschen zu können. Zum anderen wollte ich in der biomedizinischen Forschung tätig sein, um das grundlegende Verständnis von Krankheiten zu verbessern.

Zischup: Kannst du uns erklären, was du genau machst?
Mittler: Ich arbeite auf dem Gebiet der Zellbiologie. Ein Fokus an unserem Institut sind dabei Zellen des Immunsystems, blutbildende Zellen sowie embryonale Stammzellen der Maus. Unterschiedliche Zelltypen, zum Beispiel B-Zellen oder Fresszellen, haben eine unterschiedliche Eiweißzusammensetzung. Ich erstelle mit Hilfe der Technologie Massenspektrometrie eine Inventarliste der Proteine, also Eiweiße, in unterschiedlichen Zelltypen. Um ihre Aufgaben zu erfüllen, organisieren sich Proteine in den Zellen entweder zu Miniaturmaschinen oder Projektteams. Daher studiere ich auch den Aufbau dieser Maschinen beziehungsweise die Beziehungen in den Teams.
Zischup: Machst du jeden Tag dasselbe?
Mittler: Ein Großteil des Tagesablaufs ist Routinearbeit. Allerdings gibt es täglich neue Herausforderungen zu meistern.

Zischup: Hat deine Arbeit einen direkten Nutzen für die Menschheit?
Mittler: Meine Arbeit hat meist keinen unmittelbaren direkten Nutzen, weder finanziell noch medizinisch. Doch das gewonnene Wissen legt die Grundlage dafür, neue Medikamente oder Therapien, zum Beispiel bei Leukämien, zu entwickeln. In diesem Zusammenhang war ich schon an Projekten beteiligt, die sich auf die Frühphase der Medikamentenentwicklung konzentriert haben.
Zischup: Was willst du in 20 Jahren in deinem Beruf erreicht haben?
Mittler: In 20 Jahren sollten unsere technologischen Fähigkeiten so weit ausgereift sein, dass wir gesunde von kranken Zellen aufgrund ihrer Eiweißzusammensetzung unterscheiden können. Mittels dieser Proteinmuster ließen sich dann viele Medikamente viel zielgerichteter entwickeln. Zudem wäre man in der Lage, Krankheiten diagnostisch schon in ihrer Frühphase aufzuspüren.

Zischup: Glaubst du, dass es für alles, was im menschlichen Körper passiert, eine Erklärung gibt?
Mittler: Ich glaube nicht, dass wir in absehbarer Zeit alle Vorgänge in lebenden Organismen erklären oder im Detail verstehen werden können, weil das System Leben enorm komplex ist und alle Lebewesen unterschiedlichen Umweltbedingungen ausgesetzt sind. Beispielsweise sind wir alle von Billionen an verschiedensten Bakterien besiedelt, deren Zusammensetzung aber von Individuum zu Individuum unterschiedlich ist. Diese Bakterien haben aber einen gewissen Einfluss darauf, wie wir auf Medikamente und medizinische Therapien reagieren.