Retter im Landkreis

Das Technische Hilfswerk ist äußerst wichtig, doch wenig beachtet

Silas Schwab, Kathrin Blum

Von Silas Schwab & Kathrin Blum

Fr, 24. Januar 2020 um 14:05 Uhr

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Die Bandbreite der Einsätze des Technischen Hilfswerks ist groß – und trotzdem genießen die Retter in Blau wesentlich weniger Aufmerksamkeit als beispielsweise die Feuerwehr.

Viele kleine Jungen und Mädchen träumen davon, einmal im roten Feuerwehrauto mitzufahren. Bunte Kinderbücher stellen Feuerwehrleute und ihre Aufgaben vor. Diese Retter gelten ein wenig als Helden unserer Gesellschaft. Nur sehr selten tauchen hingegen die blau gekleideten Mitglieder des Technischen Hilfswerks (THW) auf. Sie führen ein unberechtigtes Schattendasein, erfüllen sie doch sehr wichtige Aufgaben.

Wer an Retter im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald denkt, denkt wohl kaum an Horst Seehofer. Der hat allerdings eine nicht zu vernachlässigende Rolle, erklärt Christian Leuchter, Leiter der Regionalstellung Südbaden des Technischen Hilfswerks. Je nachdem, wie viel Geld der Bundesinnenminister für die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk übrig hat, können knapp 500 ehrenamtliche Helfer im Landkreis ihren Job ordentlich ausführen. Das THW ist die einzige Anstalt des Bundes, die sich auf das Ehrenamt stützt.

Das THW stellt die (Not-)Stromversorgung her

Eingerichtet ist sie für Katastrophenfälle, doch die Mitglieder erbringen auch alltägliche Hilfeleistungen. "Wenn ein kleiner Bauernhof im Schwarzwald plötzlich keinen Strom mehr hat und die Kühe nicht gemolken werden können, sind wir da und bauen eine Stromversorgung auf", gibt Leuchter als Beispiel an.

Außerdem kommt das THW als Helfer der Polizei zur Eigentumssicherung oder regelmäßig zur Unterstützung der Feuerwehr zum Einsatz. "Wir unterstützen eben immer nur und leiten keine Einsätze selbst", erklärt der Regionalleiter. Durch seine Ausrüstung und die Ausbildung der Mitglieder ist das THW oft unverzichtbar. Wird jemand vermisst, schickt es seine Drohnen los, die aus der Luft auf die Suche gehen. Gibt es Überschwemmungen und Erdrutsche, sichern die Helfer Häuser und sind mit Booten unterwegs.

Breisach hat eine Gruppe für Wassergefahren

Speziell für Wassergefahren ist die Fachgruppe des THW-Ortsvereins in Breisach ausgestattet. Er ist gemeinsam mit den Vereinen in Müllheim und Freiburg einer von drei Ortsvereinen im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und der Stadt Freiburg. Jeder Ortsverein gliedert sich in einen Bergungszug und spezielle Fachgruppen. Diese sind mit der benötigten Ausrüstung ausgestattet und werden im Ernstfall angefordert. "Wenn die Feuerwehr zum Beispiel einen Radlader zur Bergung benötigt, ruft sie uns", sagt Leuchter.

Die Helfer des THW ordnen sich dann den Einsatzleitern vor Ort unter und helfen mit ihrem Fachwissen und Einsatzgerät. "Wir sind keine Konkurrenz für die Wehren, da kann man eher schon von einem guten Miteinander sprechen." Trotz der Spezialisierung der Fachgruppen kommen wöchentlich Einsätze auf das THW zu. Finanziert wird es vollständig vom Budget, das ihm die Bundesregierung zur Verfügung stellt.

Im Hochschwarzwald fehlt ein Ortsverein

"Einen weißen Fleck" hat das THW oben im Hochschwarzwald. In den 90er Jahren wurde der Ortsverein Titisee-Neustadt aufgelöst. Heute teilen sich die Vereine aus dem Westen (Freiburg und Breisach) und dem Osten (Donaueschingen und Villingen-Schwenningen) die Einsätze, die rund um Feldberg und Titisee anfallen. "Das ist für uns alle unbefriedigend, aber geht im Moment nicht anders", gesteht Christian Leuchter.
Retter sind nicht zu beneiden – und doch so oft selbstlos für andere da. In einer Serie stellt die BZ Retter und ihre Organisationen vor. Heute geht es um das Technische Hilfswerk.

Für seine Einsätze wird das THW genau wie die freiwilligen Feuerwehrleute von der Arbeit freigestellt, bei längeren Einsätzen (mehr als zwei Stunden am Tag oder sieben Stunden innerhalb von zwei Wochen) bekommt der Arbeitgeber die Lohnkosten erstattet.

Stressig wie bei Feuerwehreinsätzen geht es bei den Rettern in Blau in der Regel nicht zu. Sie haben keine bestimmte Einsatzalarmierungszeit, sondern müssen ihre Einsätze häufig über einen längeren Zeitraum hinweg erledigen – und nehmen dafür bisweilen weite Wege auf sich.

Frauen sind unterrepräsentiert

Etwa Fiona Mager aus Müllheim, die unter anderem beim großen Elbehochwasser im Einsatz war und auch schon bei einem Großeinsatz in Bayern mitgeholfen hat. Die 41-Jährige kam durch ihren Bruder vor mehr als 20 Jahren zum THW – und blieb dabei. "Ich arbeite als Erzieherin und erlebe die Arbeit für das THW als willkommene Abwechslung." Als Gruppenführerin im Brückenbau ist sie es gewohnt zuzupacken. "Es ist schon häufig ziemlich anstrengend, aber es macht auch stolz, das Ergebnis zu sehen, etwa wenn man gemeinsam mit dem Team 50 Tonnen Stahl bewegt hat", sagt Mager. Die Komfortzone verlassen, eigene Grenzen kennenlernen, herumkommen und etwas auf die Beine stellen – all das reizt sie an der Arbeit für das und im THW. Ein weiterer Anreiz für ihr ehrenamtliches Engagement sei die tolle Zusammenarbeit mit Kollegen. Dafür nimmt sie auch gerne einen hohen Arbeitsaufwand in Kauf. Durch ihre Führungsaufgabe im Brückenbau sind im vergangenen Jahr mehr als 500 Arbeitsstunden zusammengekommen.

Frauen wie Fiona Mager sind beim THW unterrepräsentiert. "58 der aktuell 486 THW-Mitglieder in Freiburg und dem Landkreis sind Frauen und Mädchen", informiert Christian Leuchter. "Wir würden den Frauenanteil gerne erheblich vergrößern und gezielt in diese Richtung werben", betont er. Aber auch Männer sind selbstverständlich willkommen. Die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 hat das THW hart getroffen. Zuvor leisteten viele einen Ersatzdienst.

Nachwuchs heranziehen in Jugendgruppen

Heute muss in Jugend- und Minigruppen der Nachwuchs generiert werden. Ab sechs Jahren können Kinder die Gemeinschaft des THW in den Minigruppen erleben und werden spielerisch an die technische Hilfe herangeführt. Mit zehn Jahren wechseln die Kinder zu den Jugendgruppen. "Im Moment werden die Minigruppen zum Teil fast überrannt", erzählt der Regionalleiter begeistert, "dort mussten wir die Aufnahme sogar stoppen, weil nicht genügend Betreuer zur Verfügung standen". Deshalb sind auch neue Jugendbetreuer sehr willkommen.
Ausbildung beim THW

Knapp 100 Stunden umfasst die Grundausbildung von Ehrenamtlichen. In Theorie und Praxis geht es um technische Hilfeleistungen und das Bergen. Diese Ausbildung kann in einer Ortsgruppe in einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten absolviert werden, informiert Christian Leuchter. Neben der bestandenen Prüfung sind eine ärztliche Eingangsuntersuchung und bestimmte Impfungen Voraussetzungen für die Arbeit im THW. Wer sich darüber hinaus weiterbilden möchte, kann an den THW-Bundesschulen in der Nähe von Stuttgart, Bremen oder in Brandenburg Kurse belegen. Zudem bietet das THW sogenanntes Blended Learning – E-Learning mit Präsenzphasen an den Ausbildungszentren – an.

Das Technische Hilfswerk braucht nicht nur Helfer, die körperlich fit und belastbar sind, sondern auch Köche oder Verwaltungshelfer. "Bei uns kann eigentlich jeder Mitglieder werden, genug zu tun gibt es immer", sagt Leuchter. So könne beispielsweise auch jemand, der gehandicapt ist und im Rollstuhl sitzt, THW-Mitglied werden und Schreibarbeiten übernehmen. Eingesetzt werden die Mitglieder ihm zufolge nach Interessen und Fähigkeiten.

Jeder THW-Ortsverein beziehungsweise die Fachgruppen der Ortsvereine haben feste Übungstermine, "meist wöchentlich", sagt Leuchter.

Kontakt zu den Ortsverbänden

Drei Ortsverbände (OV) gibt es in der Stadt und dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Der Freiburger OV kümmert sich schwerpunktmäßig um Notfallinstandsetzung und -versorgung, der Müllheimer OV ist auf Brückenbau spezialisiert, und die Breisacher THW-Mitglieder kennen sich bestens mit Wassergefahren aus.

Kontakt zu den THW-Ortsverbänden:

Freiburg: ov-freiburg.thw.de,

Breisach: ov-breisach.thw.de,

Müllheim: ov-muellheim.thw.de