"Das Timing ist gnadenlos"

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Fr, 27. September 2019 um 08:18 Uhr

Theater

Vor der Premiere I: Anna-Sophie Mahler inszeniert Giuseppe Verdis Oper "Falstaff" im Großen Haus des Freiburger Theaters

Die Macht der Tonkunst. "Musik spielt bei mir immer eine große Rolle", sagt Anna-Sophie Mahler, die bereits mit vier Jahren die Geige zur Hand nahm, jetzt im Interview. In Kassel 1979 geboren, studierte sie das Fach Regie an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Ist in Oper und Schauspiel tätig. Erste große Regiearbeit war die "Fledermaus" in Weimar. Also Operette. Ihre Version von Georges Bizets "Carmen" in Bremen brachte sie, wie sie berichtet, ins Gespräch am Theater Freiburg, wo sie nun erstmals inszeniert: zum Saisonstart Giuseppe Verdis letzte Oper "Falstaff", die in ihrem Fall der erste Verdi ist. Freiburgs Theatermacher trauten der in Zürich lebenden Mutter zweier Kinder einen eigenen Blick auf diese lyrische Komödie zu.

Da ist Falstaff nicht der dicke alte Mann, mit dem man primär eines assoziiert: Wampe – und alles andere verschwindet. Im Gegenteil! "Mir ist wichtig, diesen Falstaff ernst zu nehmen." Gründe: "Er hat eine Triebkraft für den Erhalt des Lebens. Und doch steht er gegen den Erhalt und für den Moment." Für die Regisseurin hat er zunächst "etwas Destruktives, weil vieles zerfällt". Falstaff – Juan Orozco wird die Titelpartie singen – "knallt in die bürgerliche Welt hinein und wirbelt die Gesellschaft durcheinander". Falstaff sei eine "Kunstfigur"; Typen wie ihn aber gebe es auch heute noch. Das Handlungsmuster: Ich nehme mir, was ich will. Er sei von einer "Gier nach Leben" erfüllt und werde so zur Gefährdung der übrigen Gesellschaft. Falstaff habe eine "fast schon surreale Kraft".

Man spüre durchaus, dass der 1893 an der Mailänder Scala uraufgeführte "Falstaff" auf Arrigo Boitos Libretto ("ein Glücksfall, dass beide aufeinandergetroffen sind") Verdis finale Oper sei; viel Lebenserfahrung spreche aus ihr, sagt die Regisseurin. Die Musik dieser dreiaktigen Commedia lirica sei immer "sehr nah an der Aktion", sei "immer Szene". Man müsse da "extrem nah an der Architektur des Stücks arbeiten". Das schnell ist. Man sei "stark determiniert", habe "ein wahnsinniges Gerüst". Das Timing sei von Verdi "gnadenlos vorgegeben". Dass es so wie ein Uhrwerk, wie eine Maschinerie läuft, sei eine Herausforderung. Wie auch die Gleichzeitigkeit von Ereignissen.

Neu sind das Tempo und die Gebundenheit an die Szene. Generalmusikdirektor Fabrice Bollon wird das Philharmonische Orchester dirigieren. Kürzungen gibt es (so gut wie) keine. Ausdrücklich lobt Anna-Sophie Mahler die Arbeit mit dem Freiburger Ensemble. Im Stück mit seiner Shakespeare-Basis geht es auch um Ehre. Der Ehre-Begriff aber sei "unglaublich verlogen", sagt die Regiefrau und fragt, ob Gelassenheit als Schlussmoral reiche: "Müssen wir nicht mehr Verantwortung übernehmen?" Den Ehre-Monolog wird Falstaff daher denn auch ins Publikum hinein halten. "Wir haben den Fokus stark auf Ford und Alice gelegt", erklärt die Regisseurin. Und fügt hinzu: "Alles spielt im Haus von Ford." Und zwar in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, noch vor der 68er Revolte.

Die "eigentliche Hauptfigur", da sind sich Komponist und Regisseurin einig, sei indes Alice. Eben genau jene Frau mit der Sehnsucht, ihrer engen Ehewelt zu entkommen. Falstaff löst diese Sehnsucht bei ihr aus. Alice (Irina Jae-Eun Park) ist Anna-Sophie Mahlers Lieblingsfigur: "An ihr kann ich am meisten emotional andocken." Und Quickly (Anja Jung) habe "alle Fäden in der Hand". Wie dem auch sei: Zwei Liebesbriefe identischen Inhalts an zwei Adressatinnen haben weitreichende Folgen...

Am Ende seines Opernschaffens wandte sich – wer hätte das erwartet? – Verdi dem heiteren Genre zu, unterstreicht er nachdrücklich, dass er auch dieses virtuos beherrscht. Entstanden ist dabei Opern-Weltliteratur, ein Beitrag zum Kernrepertoire der Gattung. Vielleicht sogar auch als Kommentar und Kontrast zum Drama "Otello". Statement der Regisseurin zur Frage, warum man "Falstaff" unbedingt besuchen sollte: "Es ist umwerfend mitreißend, hat hohen Unterhaltungswert und sagt viel über die Abgründe des Lebens." Das klingt ja fast wie Werbung. Stimmt aber.

Premiere: Samstag, 28. Sept., 19.30 Uhr, Theater Freiburg, Großes Haus.