Brexit-Folgen

Das Touren ist für britische Musiker keine Selbstverständlichkeit mehr

dpa

Von dpa

So, 07. August 2022 um 12:48 Uhr

Kultur

Seit jeher ist das Vereinigte Königreich Talentschmiede für Weltstars des Rock und Pop. Brexit-Folgen machen es aufstrebenden Musikern allerdings schwer, in Europa bekannt zu werden.

Alle Welt kann mitsingen, wenn Oasis oder die Beatles angestimmt werden. Auch die jüngere Generation der britischen Musikszene hat große Namen hervorgebracht wie Adele, Ed Sheeran oder Stormzy. Nicht mal der Brexit hat diesen unvergleichlichen Exportschlager ausbremsen können. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Doch erst in diesen Monaten, dem ersten großen Festival-Sommer seit Ausbruch der Corona-Pandemie, in dem Veranstalter wieder weitgehend unbeschränkt ihre Tickets verkaufen können, zeigt sich in vollem Ausmaß, was der britische Austritt aus der Europäischen Union für die Branche bedeutet.

"Der Herzschlag und die Zukunft unserer lebendigen Branche droht, in Dover stecken zu bleiben, ohne dies selbst verschuldet zu haben", sagte Pop-Legende Elton John kürzlich in einer Befragung. Was jahrzehntelang Alltag für britische Künstler war, das Touren vor dem riesigen ausländischen Publikum in Europa, ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

So musste die Londoner Rockband White Lies im April in letzter Minute einen Gig in Paris absagen, weil ihr Equipment wegen bürokratischer Brexit-Hürden es nicht rechtzeitig über die Grenze schaffte. "Es bricht uns das Herz, in dieser wundervollen Stadt zu sein, aber nicht auftreten zu können wegen einer solchen Banalität", schrieben die Musiker auf Twitter. Auch andere Bands hätten kurz vorher die gleichen Probleme gehabt.

Transport und Arbeitsgenehmigungen als neue Probleme

In diesem Sommer, wo sich wegen Brexit-Passkontrollen am Hafen von Dover die Autos von Urlaubern sowie Lastwagen stauen, ist das Risiko, als Nachwuchstalent dort stecken zu bleiben, wörtlich zu nehmen. Doch auch bevor eine Band überhaupt in ihren Tourbus steigt, sind Hürden zu überwinden. So sind manche Fahrzeuge aus Großbritannien, die zum Transport von Equipment benutzt werden, nicht mehr auf Touren in Europa zugelassen. Oft sind auch Arbeitsgenehmigungen in EU-Ländern ein Problem: Musiker dürfen in vielen Fällen nur noch eine begrenzte Zahl an Tagen im EU-Ausland arbeiten.

Während eines halben Jahres nur noch an 90 Tagen in Europa arbeiten zu dürfen, sei für viele eine enorme Einschränkung, erzählt der englische Konzertpianist Julius Drake im Gespräch. Der Sektor sei sehr international, und für viele Opernsänger und andere klassische Musiker sei es Alltag, von einem Land ins andere zu reisen und aufzutreten. "Es ist eine Lose-lose-Situation", also eine Konstellation, die für alle nur Nachteile bietet, sagt Jamie Njoku-Goodwin, der für den Verband UK Music die Interessen der Branche vertritt.

Keine Einigung zwischen London und Brüssel

Eigentlich habe niemand ein Interesse daran, es Musikern möglichst schwer zu machen, auf Tour zu gehen. Im Gegenteil: Sowohl die EU als auch Großbritannien profitierten davon, wenn möglichst viel Austausch vorhanden sei. Auch in Großbritannien seien die Visa-Regelungen für Musiker eigentlich kein kontroverses Thema. Trotzdem gibt es – abgesehen von einigen bilateralen Regelungen – keine Einigung zwischen London und Brüssel.

Immerhin: Im Herzen der britischen Demokratie ist das Thema angekommen. Von der britischen Regierung hieß es, man werde sich weiter bei EU-Ländern, die ihre Regeln noch nicht gelockert hätten, für bessere Visa-Bedingungen und Arbeitsgenehmigungen einsetzen. Im Wahlkampf um die Nachfolge des scheidenden Premiers Johnson spielte das Thema – wie Brexit-Folgen generell – bislang keine Rolle.

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