Dem Dorf der Kindheit eine Zukunft geben

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Fr, 16. August 2019

Steinen

Almut Steyer, die neue Ortsvorsteherin von Schlächtenhaus-Hofen, ist tief verwurzelt vor Ort und trotzdem offen für die Welt / Studiert hat sie in Stuttgart.

STEINEN-SCHLÄCHTENHAUS. Seit Ende Juli ist Almut Steyer offiziell Ortsvorsteherin von Schlächtenhaus. Die 55-Jährige war zuvor über viele Jahre Verwaltungsangestellte in ihrem Geburtsort. Dass der neue Job vor allem in zeitlicher Hinsicht eine so große Herausforderung darstellen würde, habe sie nicht so ganz erwartet, bekennt Steyer beim BZ-Besuch.

Der Weg im Auto zu Almut Steyers Wohnhaus in der Dorfmatt in Hofen gestaltet sich schwierig. Im Abstand von wenigen Metern hat die Baufirma tiefe Schneisen in den Asphalt gesägt, die halbhoch mit frischem Asphalt wieder aufgefüllt wurden. Die sehnsüchtig erwartete, grad aber mal wieder ein wenig ins Stocken geratene Verlegung von Glasfaserkabeln fürs schnelle Internet ist eine von vielen Baustellen, mit denen sich Almut Steyer in den kommenden Wochen wird herumschlagen dürfen.

Die nötige Durchsetzungskraft, die Fähigkeit auch sehr dicke Bretter bohren zu können, wird ihr von vielen Seiten bescheinigt. "Die Leute haben gesagt, dass sie Ellbogen hat", plaudert Tochter Flora aus dem Nähkästchen beim gemeinsamen Kaffeetrinken am gemütlichen Wohnzimmertisch. Doch sei die Mutter zugleich auch ein Mensch, der gut auf die unterschiedlichsten Menschen zugehen und Koalitionen schmieden könne, weiß die 20-jährige Politikstudentin über die Mama zu erzählen.

Erste Aufgaben als Vertreterin des Steinener Bürgermeisters vor Ort hat Almut Steyer schon hinter sich gebracht: Besprechungen über den Friedhof gehören dazu wie auch Jubilarsbesuche und die Vorbereitung der Ortschaftsratssitzungen. Die neue Rolle bringt es mit sich, dass sie, wenn sie im Dorf unterwegs ist, mittlerweile von vielen Seiten auf alle möglichen Themen angesprochen wird – was durchaus auch anstrengend sein kann. "Wie das alles ein Mensch schaffen soll, der voll berufstätig ist, ist mir vollkommen schleierhaft", sagt die neue Dorfchefin staunend.

Dass Almut Steyer eine fröhliche, den Menschen zugewandte und ziemlich kommunikative Zeitgenossin ist, wird nach wenigen Minuten Gespräch klar. Sie ist nicht nur begeisterte Krimileserin, sondern auch eine leidenschaftliche Tänzerin, die mit ihrem Mann Stefan Baumgartner bei Dorffesten mit schwungvollen Jive-Einlagen für Eindruck sorgt. Auch versucht sie mit kräftiger Stimme den örtlichen Chor, den schon ihr Vater leitete, am Leben zu erhalten. Es ist aber wohl noch ein bisschen mehr als das tiefe Verwurzeltsein vor Ort, was Steyer fast schon als ideale Nachfolgerin des bisherigen Ortsvorstehers Heinrich Stiefvater erscheinen lässt. Da ist zum einen die Tatsache, dass die studierte Historikerin und Germanistin – mit Magisterabschluss der Uni Stuttgart – ein zutiefst politisch denkender Mensch ist. Die Tochter des einstigen Hofener Pfarrers Klaus Steyer wurde erst kürzlich auf dem Ticket der Sozialdemokraten in den Steinener Gemeinderat gewählt, sie war seit 2015 aktiv in der Steinener Flüchtlingsarbeit unterwegs und hat aus ihren linken Grundüberzeugungen nie einen Hehl gemacht. Und da ist die Tatsache, dass Steyer "ihre" Dörfer – Hofen und Schlächtenhaus – kennt, wie die berühmte Westentasche. Almut Steyer weiß aus leidvollen Erfahrungen um die Probleme des lückenhaften Busanschlusses auf dem Lande: Den Sohn oder die Tochter mal wieder irgendwohin zu kutschieren, den Einkauf zu organisieren, das alles ist nervig. Und ohne mindestens ein Auto geht gar nichts, wenn der Bus nur dreimal am Tag in Schlächtenhaus hält. So kommen denn auch die Wünsche, bei denen Almut Steyer hofft, im neuen (Ehren)-Job zu Fortschritten zu kommen, recht pragmatisch daher. Die Forderung, der Zweckverband Breitbandversorgung möge seinen Job vor Ort schnell erledigen, wirkt ebenso folgerichtig, wie der Wunsch Steyers, dass in Schlächtenhaus doch bitte der ein oder andere zusätzliche Bus halten möge. Ein Mitfahrbänkle, wie es grad in anderen Dörfern eingerichtet wird, sieht Steyer aus prinzipiellen Erwägungen eher kritisch. Sie finde, dass der Staat gefordert sei, den Mitbürgern – vor allem jungen und älteren – ausreichende Mobilität zu ermöglichen. Ein anderes Thema, das Almut Steyer beschäftigt, ist die Stagnation in Schlächtenhaus in Sachen Wohnen/Neubürger. Das letzte Wohngebiet, welches vor Ort ausgewiesen wurde, sei in den 1990er Jahren das gewesen, in dem sie und ihr Mann nach der Rückkehr aus Stuttgart das eigene Haus hätten bauen dürfen, erzählt Steyer. Hier wolle sie schauen, was machbar ist, auch wenn im Dorf passende Flächen im kommunalen Besitz fehlen. Ach, ja die neue Ortsvorsteherin will auch die Kommunikation mit der Steinener Verwaltung ausbauen – nicht nur übers Internet. Es ist schwer vorstellbar, dass Almut Steyer dies nicht gelingen könnte.