Dem Publikum stockte der Atem

Susanne Kerkovius

Von Susanne Kerkovius

Mo, 20. September 2021

Offenburg

Überragende Premiere von "Richard und Rosa" / Junge Theaterakademie bewegt in der Reithalle.

. Ein magischer Moment, wie ihn sich jeder Theatermensch erträumt: dem Publikum stockt der Atem, viele sind den Tränen nahe. Das letzte Bild des Stücks "Robert und Rosa", das die Junge Theaterakademie unter Paul Barone und seinem Team in der Reithalle auf die Bühne brachte, brennt sich in die Erinnerung ein. Dabei ist es nur ein Familienfoto. Richard und Rosa 1948 nach acht Jahren Trennung wiedervereint, mit Sohn Riwi und Rosas Mutter und Schwestern, in der Mitte ihre 1955 geborene reale Tochter Ellen, die ohne dieses glückliche Ende nicht existieren würde.

Die Geschichte von Richard Mundinger, Braumeister und Offenburger Nazi der ersten Stunde, und der Volksschullehrerin Rosa Raber aus Mannheim, Tochter einer jüdischen Mutter und eines "arischen" Vaters, ist nicht fiktiv, sondern real und in Zeugnissen und einem umfangreichen Briefwechsel "verbrieft".

Wolfgang Gall, ehemaliger Leiter des Ritterhaus-Museums, hatte in seinen Forschungen über die NS-Zeit in Offenburg reichlich Quellenmaterial über die Clique der jungen Männer um den späteren Kreisleiter Karl Rombach zusammengetragen, zu der auch Richard Mundinger gehörte. Als Einziger distanzierte sich dieser noch während des Krieges und bekannte sich danach schuldig. Seine von der Nazi-Ideologie kriminalisierte Liebe zu Rosa hatte ihm die Augen geöffnet.

Dass diese Liebe "in finsteren Zeiten" (Bertolt Brecht) schließlich Erfüllung fand und in Friedenszeiten in eine lebenslange Ehe mündete, ist fast märchenhaft und befriedigt die geheime Sehnsucht nach dem Sieg des Guten, wie es auch von den jungen Schauspielerinnen im Gespräch geäußert wurde. Wie schwer es ist, dieses Gute in den Lebensumständen einer unmenschlichen Diktatur, zumal noch in Kriegszeiten, am Leben zu erhalten, zeigt sich in diesem Stück in vielen Alltagsszenen, etwa wenn Richard als Mitglied der Waffen-SS in der Ukraine erkennt, wie unmenschlich es ist, das Land der gastfreundlichen Bauernfamilie in ein "rauchendes Trümmerfeld" zu verwandeln.

Basis ist eine wahre Geschichte aus der Offenburger NS-Zeit

Rosa, die mit dem gemeinsamen Sohn Riwi, ihrer Mutter und den Schwestern Else und Grete in einem Dorf im Odenwald untergekommen ist, erlebt dort neben Ausgrenzung auch Unterstützung durch eine mitfühlende Nachbarin und eine taffe Vermieterin. Mutige Entscheidungsträger bestimmen in Sekunden über Schicksale, zum Beispiel wenn Rosas Mutter wegen ihres jüngsten Sohnes nicht nach Gurs deportiert wird. Und dass Rosa und ihre jüdische Mutter selbst Anhängerinnen des völkischen Denkens waren, bis sie erfuhren, dass sie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten, macht die Unentwirrbarkeit der Widersprüche dieser Zeit deutlich. Der Aufbau des Stücks aus der Feder von Paul Barone zeigt als Rahmenhandlung das Leben des Paares in der Trennung, basierend auf seinen Briefen, und im Rückblick wird gezeigt, wie es dazu kam. Dieser beginnt im Juli 1923 in Offenburg, zur Zeit der französischen Besatzung mit der Entstehung einer Gruppe junger Widerständler mit vaterländischem Pathos, aber auch viel jugendlicher Albernheit, Pöbelei und aufgeblasenem Jungmännergehabe.

Mittendrin: Richard Mundinger und seine beiden Brüder. Hinreißend die pantomimisch gespielte illegale Plakat-Aufhängen-Aktion oder die parodistische Tanzstunde. Aus den "bösen Jungs" der Mittelschicht, angeschmachtet von den völkisch denkenden Jungmädels und angegriffen von den Sozialdemokratinnen, werden NS Regionalgrößen. Am Ende des Stücks kehren sie verwundet und gebrochen zurück, und die Parole heißt: "Schweigen, Schweigen, Schweigen!"
Die Hauptdarsteller Finnegan Melchior (Richard) und Kira Napadovskyy (Rosa) spielten intensiv und bewegend dieses beeindruckende Liebespaar. Viel Bewegung brachte der "Chor der Gefühle", der die inneren Stimmen der beiden Getrennten zum Ausdruck brachte. Es wurde getanzt, parodiert, verlangsamt, durch Standbilder Wirkung erzeugt, eine ruhig gleitende Entwicklung mit viel innerer Dynamik ließ auch die vielen anwesenden jüngeren Schülerinnen und Schüler mehr als zwei Stunden lang aufmerksam dabei bleiben.

Anschließend stellten sich Wolfgang Gall, Paul Barone und Ellen Mundinger den Publikumsfragen. Ein außergewöhnlicher, unvergesslicher Theaterabend!

Weitere Aufführungen: Montag, 20. September, und Dienstag, 21. September, jeweils 19 Uhr, Reithalle Offenburg. Anmeldung unter [email protected]