Den Blauwesten geht das Geld aus

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Sa, 10. Oktober 2020

Ausland

Trotz der aktuellen Brennpunkte Syrien und Jemen steht Afrika im Mittelpunkt der Arbeit des Welternährungsprogramms.

Die Einsatzzentralen des Welternährungsprogramms sind in einem afrikanischen Krisengebiet stets die sympathischsten Anlaufstellen. Ein Großraumbüro in einer Baracke oder einem maroden Verwaltungsgebäude, ein halbes Dutzend unter Starkstrom stehender Menschen in blauen Westen, die in irgendeiner Sprache in ihre Telefone bellen: Flugnummern, Wetterprognose, Ladekapazitäten.

Nirgendwo sind die globalen Hilfslieferanten stärker beschäftigt als in Afrika – auch wenn sich ihre Hotspots derzeit in Syrien oder im Jemen befinden. Auf der Operationskarte der Blauwesten steht Afrika im Mittelpunkt der Welt: Vier Staaten sind dort dunkelrot als "overheating" (überhitzt) markiert, vier als "boiling" (kochend) und fünf als "simmering" (köchelnd). Im ganzen Rest der Welt sind lediglich vier weitere Farbflecken zu sehen.

Schon vor Corona gingen weltweit fast 700 Millionen Menschen hungrig zu Bett, die große Mehrheit von ihnen Afrikaner. Eines von sechs Kindern des Kontinents ist untergewichtig, eines von vier wird wegen mangelnder Ernährung in seiner psychischen oder physischen Entwicklung beeinträchtigt. Aggressivität kann Folge schlechter Ernährung sein.

Die Hauptursachen der Ernährungskrisen in Afrika sind bewaffnete Konflikte: in Libyen, der Sahelregion (mit Mali, dem Niger und Burkina Faso), in der Zentralafrikanischen Republik, in Nigeria, Kamerun und Kongo. Viele dieser Konflikte sind mit weltweiten Spannungen verbunden, wie zwischen fundamentalistischen Islamisten und den Vertretern der "westlichen Welt". Hinzu kommen Staaten, die unter den Folgen der Klimaerwärmung leiden: Auch dazu zählen die abwechselnd von Fluten und Dürren heimgesuchte Sahelzone sowie der überflutete Sudan und mehrere ostafrikanische Staaten, die unter einer beispiellosen Heuschreckenplage leiden. 80 Prozent aller Hungernden in Afrika leben in von Klima-Katastrophen betroffenen Regionen.

Seit einem halben Jahr kommen noch die Folgen der Pandemie dazu. Weniger die direkten: Mit 1,5 von weltweit 37 Millionen Infizierten und knapp 40 000 von mehr als einer Million Toten kam der Kontinent bislang glimpflich davon. Aber nicht, was die wirtschaftlichen Folgen angeht: Lockdowns, die Unterbrechung des weltweiten Warenverkehrs sowie Einbrüche bei den Überweisungen der Diaspora-Afrikaner in die Heimat haben Afrikas Ökonomien schwere Schäden zugefügt. Die Zahl der 2020 zusätzlich in bittere Armut geratenden Afrikaner wird auf 80 Millionen geschätzt. Die Arbeit der Blauwesten wird sich mehr als verdoppeln müssen. Dabei geht ihnen jetzt schon das Geld aus. Für das zweite Halbjahr 2020 hat das Ernährungsprogramm die Staatengemeinschaft um fast sechs Milliarden Dollar gebeten: Zugesagt wurde bislang nicht einmal die Hälfte.