Buddhismus

Der alte Mönch als bedeutender Weltenverständiger und Inspirator

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 05. Juli 2020 um 13:01 Uhr

Ausland

Oberhaupt der Tibeter und Friedensnobelpreisträger – Der Dalai Lama wird 85 Jahre alt. Wie sehr sich eine Begegnung mit ihm auf das Leben auswirken kann, berichtet der Freiburger Wilfried Pfeffer.

Der Garten hinter dem Tibet-Kailash-Haus am Rand der Freiburger Altstadt ist eine kleine Idylle. Rechts neben dem Eingang steht eine Hütte, in der Getränke und kleine Speisen zubereitet werden. Auf der linken Seite steht die Stupa, ein mit bunten Farben verziertes buddhistisches Bauwerk, dessen Einweihung der Dalai Lama persönlich bei seinem Freiburgbesuch 2007 vornahm. An mehreren Stellen des steil abfallenden Gartens bieten Terrassen Sitzgelegenheiten mit kleinen Tischen und drei, vier Stühlen. Ein Treppe führt hinunter auf eine Wiese mit weiteren, verstreut aufgestellten Tischen, kleinen Palmen und Sträuchern. Am Ende der Wiese fließt ein kleiner Bach, der die Freiburger Bächle mit Wasser speist. Mit dem Tibet-Kailash-Haus hat sich Wilfried Pfeffer (70) vor 20 Jahren einen Traum erfüllt.

In die Augen geschaut, in den Bann gezogen

Vor 40 Jahren traf der damalige Biologie-Student erstmals den Dalai Lama, bei dessen Besuch in Hamburg. Pfeffer schildert, wie er und der Dalai Lama sich für einen kurzen Augenblick in die Augen schauten und der Tibeter ihn sofort in seinen Bann zog. Der Dalai Lama hielt damals einen Vortrag über die Globalisierung und über das Verhältnis von religiösen Menschen und Naturwissenschaften. Pfeffer gehörte damals zu den Mitbegründern der Grünen in Hamburg und hatte wegen der zunehmenden Zerstörung der Umwelt eine gehörige Wut im Bauch. Die Begegnung mit dem Dalai Lama machte ihn neugierig. Er wollte mehr über ihn und den Buddhismus erfahren. Der Dalai Lama und Tibet wurden so zu seinem Lebensthema.

Ende der 1980er-Jahre lebte Pfeffer eineinhalb Jahre in einem buddhistischen Kloster in Dharamsala im Norden Indiens, wohin der 14. Dalai Lama 1959 mit Zehntausenden Anhängern vor den chinesischen Besatzern geflohen ist. Später reiste Pfeffer fast jährlich nach Tibet und traf sich viele Male mit dem Dalai Lama. Mit der Realisierung des Tibet-Kailash-Hauses mit fünf Angestellten ließ er sich von seinem Beruf als Lehrer beurlauben und organisierte stattdessen Seminare für tibetische Medizin, buddhistische Gesprächskreise, Meditationsgruppen und Physiotherapien. Pfeffer sagt, seine Wut über die Umweltzerstörung sei einem ökologischen und buddhistischen Weltverständnis gewichen. Er habe vom Dalai Lama gelernt, die Kraft der Wut kreativ zu nutzen. Im Tibet-Haus hat auch der von Pfeffer gegründete Tibet-Förderkreis mit 500 Patenschaften für Exil-Tibeter und 15 in Dharamsala betreuten Bauprojekten seinen Sitz.
"Die Chinesen sind dort das Herrenvolk." Wilfried Pfeffer
Seit ein paar Jahren reist Wilfried Pfeffer nicht mehr nach Tibet. Zu sehr schmerzt ihn die chinesische Dominanz, die Zerstörung der Umwelt in Tibet und die Verdrängung der ursprünglichen Kultur. "Die Chinesen sind dort das Herrenvolk", sagt Pfeffer. Vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking habe es die Hoffnung gegeben, dass China den Tibetern mehr Freiheiten einräumt, sagt Pfeffer. Doch es sollte anders kommen.

Im Frühjahr 2008 schlug ein zunächst friedlicher Aufstand in Tibet gegen die chinesischen Besatzer in gewaltsame Ausschreitungen um. Mit starken Sicherheitskräften erstickte Peking die Unruheherde und machte einmal mehr den Dalai Lama im indischen Exil für die Ausschreitungen verantwortlich.

Dass der Dalai Lama den Tibetern mit seinem Rücktritt gedroht hatte, wenn sie die Ausschreitungen fortsetzten, verschwieg Peking. Seitdem sei die chinesische Unterdrückung noch viel rigoroser, sagt Pfeffer. "Wer auch nur den Dalai Lama erwähnt, dem droht Gefängnis und Folter", sagt Pfeffer. Es ist erstaunlich, welchen Respekt die Weltmacht China 60 Jahre nach seiner Flucht aus Tibet noch immer vor dem alten Mann hat. Tenzin Gyatso, so sein bürgerlicher Name, wurde 1937 als zweijähriges Kind als die Reinkarnation des 1933 gestorbenen 13. Dalai Lama entdeckt. 1940, drei Jahre später, wurde er zum Dalai Lama ernannt und fernab seiner Familie ausgebildet. Mit 15 Jahren erlebte er die chinesische Invasion seiner Heimat. Anschließend verhandelte er lange Jahre mit Mao Zedong, dem kommunistischen Machthaber Chinas, über den Status Tibets. Als der Dalai Lama 23 Jahre alt war, sah er sich zur Flucht gezwungen.

Dalai Lama wird 85 Jahre alt

Am kommenden Montag wird der Dalai Lama 85 Jahre alt. Zwar ist es in den vergangenen Jahren stiller um seine Person geworden, doch seine Popularität vor allem im Westen ist ungebrochen. Sein Aufstieg zu einem der beliebtesten Menschen der Welt begann mit der Verleihung des Friedensnobelpreises 1989. Damit würdigte das Nobelpreiskomitee seinen konsequent friedlichen Widerstand gegen Chinas Herrscher, die im selben Jahr in Peking die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen hatten.

Die Machthaber in Peking dachten lange, es genüge, den Tod des 14. Dalai Lama abzuwarten. Den 15. wollen sie selbst bestimmen und damit auch den tibetischen Widerstand brechen. Doch der Dalai Lama hat sich einmal mehr als kluger Gegenspieler der Weltmacht erwiesen. Vor einigen Jahren gab er bekannt, dass der neue Dalai Lama nicht zwingend in Tibet gefunden werden müsse. Vorstellbar sei auch ein Dalai Lama aus Europa. Peking setzte sich gegen diese Interpretation sofort zur Wehr, doch unter den gläubigen Tibetern stößt die Kommunistische Partei Chinas kaum auf Gehör. Später überraschte der Dalai Lama mit der Aussage, dass es vielleicht besser sei, die mehr als 500 Jahre alte Institution des Dalai Lama mit ihm enden zu lassen, als dass ein Nachfolger von Peking bestimmt werde. In fünf Jahren sollen die Tibeter darüber abstimmen. Zuletzt war vom Dalai Lama zu hören, dass er gedenke, in seinem jetzigen Körper eines Tages ein freies Tibet zu betreten. Aus diesem Grund habe er entschieden, 104 Jahre alt zu werden.

Der Dalai Lama plädiert für eine säkulare Ethik und die Wissenschaft

Für Überraschungen ist der 14. Dalai Lama immer gut. Zuletzt ging er sogar auf Distanz zur Rolle der Religion, die für mehr Ärger sorge, als dass sie Gutes bewirke. Die barocken Rituale der Religion seien überholt. Sie seien nicht mehr geeignet, die Menschen zusammenzubringen. Stattdessen plädiert das geistliche Oberhaupt für eine säkulare Ethik und setzt auf die Wissenschaft, auch zur Überwindung der ökologischen Krise. Statt Nationalismus wünscht sich der Dalai Lama mehr Kooperation unter den Völkern. Die EU ist ihm ein Vorbild, die Demokratie für ihn die Zukunft. "Er ist ein Visionär mit einem gigantischen Weitblick", sagt Pfeffer.
Anlässlich des 85. Geburtstags des Dalai Lama gibt es am Sonntag, 5. Juli, im Tibet-Kailash-Haus, Wallstraße 8 in Freiburg, eine Feier mit Vorträgen (17 Uhr), einem Film (17.30 Uhr) und dem ganztägig geöffneten Gartencafé.