Maas in Polen

Der Außenminister setzte ein stärkendes Zeichen gegen Rechtsextremismus

Leonhard Fleischer

Von Leonhard Fleischer (Gundelfingen)

Fr, 23. August 2019

Leserbriefe

Zu: "Alte Wunden, neue Risse", Beitrag von Ulrich Krökel (Politik, 2. August)

Es ist sehr gut, dass Außenminister Heiko Maas (SPD) am 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands gegen die mörderische NS-Besatzungsmacht an das unvorstellbare Leid erinnert hat, das "Polen von Deutschen im deutschen Namen angetan wurde". In seiner tiefen Scham darüber, dass diese Schuld nach dem Zweiten Weltkrieg "viel zu lange verschwiegen wurde", beklagt Maas just jene zweite Schuld der Verdrängung und Reuelosigkeit, die Ralph Giordano in seinem Buch "Die zweite Schuld oder von der Last Deutscher zu sein" (1987) als negative Signatur der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft herausstellte. Damit setzte Maas auch ein stärkendes Zeichen gegen die derzeit skandalösen Erscheinungsformen von Rechtsextremismus und Antisemitismus. Bei dieser misslichen Entwicklung ist nicht zuletzt die AfD eine treibende Kraft, da sie ein rassistisch-nationalistisches Weltbild vertritt. Hierzu passt zum Beispiel Herrn Gaulands (AfD) Aussage von den nationalsozialistischen Jahren als "Vogelschiss der Geschichte". In deren hyperzynischer Bagatellisierung, mit der sich der Revisionist Gauland auf dem Vulgärniveau der Hass- und Hetzkommentare im Internet bewegte, drückt sich nicht zuletzt sein unkritisches Verhältnis zum Militärischen aus.

Entgegen Maas’ positivem Auftritt in Polen, wo die einst mit der SS herummordenden NS-Soldaten Giordanos These mitbestätigen, dass die Wehrmacht der Haupttäter Nummer eins von Hitlers Vernichtungsdiktatur war, zeigt sich ein solches heute weiter auch in den Kriegerdenkmälern unseres Landes. Damit werden einheimische Soldaten der beiden Weltkriege als das Vaterland verteidigende Helden gerühmt, womit sie auch individuell eingeebnet und die von ihnen getöteten Opfer offensichtlich verhöhnt werden. Soldatsein ist kein Wert an sich.

Von einer gründlichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit kann ungeachtet vieler Fortschritte (etwa Rehabilitierung von verfolgten Minderheiten, antipositivistische Erfassung von Mittätern samt Beendigung des Landesverratsvorwurfs Ende der 90er Jahre) in der Gesellschaft nicht ausreichend erforderlich sein. Bei alldem ist der besagte Besuch von Herrn Maas in Polen nicht hoch genug einzuschätzen. Leonhard Fleischer, Gundelfingen