Nachruf

Der Singvogel ist verstummt – zum Tod von Christine McVie

Bernd Peters

Von Bernd Peters

Do, 01. Dezember 2022 um 10:45 Uhr

Rock & Pop

Christine McVie hat einige der größten Hits der Band Fleetwood Mac geschrieben. Nun ist die Sängerin und Keyboarderin im Alter von 79 Jahren gestorben. Eine Würdigung

Als Christine McVie im zurückliegenden Sommer unter dem Titel "Songbird" ("Singvogel") eine Platte mit ihren besten Solo-Nummern herausbrachte, nahm der britische Guardian dies zum Anlass für eine Fragerunde: Leser durften Fragen einreichen, McVie beantwortete sie dann in der Zeitung. Die Frage, auf welchen ihrer Songs sie am meisten stolz sei, beantwortete sie mit dem Titel "Songbird".

Der Titel mit der anrührenden Zeile "du hast nun genug Tränen vergossen, für dich wird nun die Sonne scheinen", der 1977 auf dem Fleetwood Mac Millionen-Erfolg "Rumors" erschien, sei wie "ein Gebet für jedermann", das sie binnen einer halben Stunde in einer schlaflosen Nacht komponiert habe. Der Song wurde neben von ihr verfassten Klassikern wie "Don’t Stop", "Little Lies" oder "Over My Head" nicht nur einer der größten Erfolge für Fleetwood Mac, er gilt auch als Meisterwerk aus der Feder McVies. Nun ist die Sängerin, Komponistin und Pianistin im Alter von 79 Jahren nach kurzer Krankheit im Kreis ihrer Familie in einer Klinik in London gestorben. Der Singvogel singt nicht mehr, und die Rockwelt trauert um eine ihrer herausragenden Protagonistinnen der vergangenen fünfeinhalb Jahrzehnte.



McVie erlernte das Klavierspiel schon als Kind und kam als Rock-Musikerin eigentlich vom Blues: ihre Karriere startete sie in der Band Chicken Shack an der Seite von Gitarrist Stan Webb. Nach zwei Jahren und dem Hit "I’d Rather Go Blind" mit Webbs Band, wechselte sie, bis dahin unter ihrem Mädchennamen Christine Perfect auch durch ein Solo-Abum bekannt, zu Fleetwood Mac. Deren Bassist John McVie war nun ihr Ehemann. Und die Musikerin wurde mit den Jahren in der wechselvollen Geschichte der Band zu einer tragenden Säule der britisch-amerikanischen Hitmaschine, zu der Fleetwood Mac sich entwickelte, nachdem Sängerin Stevie Nicks und Gitarrist Lindsey Buckingham zur Gruppe stießen: Mit ihrer etwas dunkel, fast schon androgyn gefärbten Stimme sang und schrieb Christine McVie bis 1998, teilweise zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Eddie Quintela, Hit auf Hit für die Band: "Everywhere", "Say You Love Me" oder "You Make Loving Fun" waren durch die Bank Pop-Hits mit musikalischem Tiefgang und Texten über die Liebe in jedweder Form. Dass ihr der Blues nicht abhandengekommen war in all den Jahren, bewies sie zuletzt im Frühjahr 2020 bei einem Konzert in Ehren von Fleetwood Mac Gründer Peter Green, dessen "Please Stop Messing Around" sie dort zusammen mit Rock-Größen wie Steven Tyler darbot.

Liebeslieder zu schreiben und nicht über sich selbst zu reden sei ihr Ding, so die Musikerin einmal in einem Interview. Selbst ein berührender Text wie "Songbird" ziele auf niemand bestimmten ab. Dass Christine McVie nun diesen und andere Songs nie wieder singen wird, ist ein Moment des Schocks und der Trauer für ein ganzes Genre.