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Zischup-Interview

"Der Unterricht draußen fördert die Konzentration"

  • Mira Schopp, Klasse 8a, Hugo-Höfler-Realschule (Breisach)

  • Fr, 15. Dezember 2023
    Schülertexte

: Alexander Koepchen leitet die Erich-Kiehn-Schule Oberrimsingen, eine sonderpädagogische Schule für emotionale und soziale Entwicklung. Dort gibt es für eine Grundschulklasse ein "grünes Klassenzimmer".

Schulleiter Alexander Koepchen  | Foto: privat
Schulleiter Alexander Koepchen Foto: privat
Zischup: Wie kam es zur Idee, ein grünes Klassenzimmer für die Grundschüler der Igel-Klasse einzurichten?

Koepchen: Die Idee ist schon lange in mir gereift, inspiriert von den Waldkindergärten, in denen die Kinder ausschließlich draußen im Wald sind. Das Konzept faszinierte mich, und ich wollte etwas Ähnliches für unsere Kleinen, die ab sechs Jahren zur Schule kommen, umsetzen. Sie haben noch Schwierigkeiten, still zu sitzen, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren und sich an gemeinsame Regeln zu halten. Da erschien mir die Idee eines grünen Klassenzimmers im Freien als optimale Lösung. Hier können sie sich uneingeschränkt bewegen, das fördert nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern auch ihre Konzentration und Aufmerksamkeit.

Zischup: Wo befindet sich denn das grüne Klassenzimmer?

Koepchen: Es war tatsächlich eine langwierige Suche nach einem passenden Waldstück. Der Freizeitsportverein Flinke Paddel bot uns schließlich ihr wunderschönes Gelände am Rhein zwischen Grezhausen und Hartheim an, komplett mit Bootshaus und umgeben von Wald. Die Stadt Breisach stellt dieses Gelände dem Verein zur Verfügung, und seit Anfang Oktober darf nun unsere "Igel-Klasse" aus Merdingen dort ihren Außenunterricht kostenfrei durchführen.

Zischup: Wie wurde das grüne Klassenzimmer in den Schulalltag integriert?

Koepchen: Die ursprüngliche Vision war, dass jeden Tag auf dem Gelände Unterricht ist. Im Moment ist das jedoch noch nicht der Fall. Einmal wöchentlich besuchen unsere "Igel-Kinder" das Gelände. Wir organisieren den Unterricht in einer sogenannten Familienklasse, die die Klassen 1 bis 4 umfasst. Die Igel-Kinder wechseln sich alle 14 Tage ab: In einer Woche kommen die Schüler der ersten und zweiten Klasse und in der folgenden Woche die Schüler der dritten und vierten Klasse zum Außenunterricht. Dort findet regulärer Mathe-, Deutsch- und Sachunterricht statt. Ein Beispiel aus Mathe wäre die Aufgabe "Sucht 99 Gegenstände". Das erfordert, dass die Schüler lernen, bis 99 zu zählen. Auch Lesen wird intensiv geübt. Teilweise setzen sich die Schülerinnen und Schüler ums Lagerfeuer und üben das Lesen mit der Leseband-Methode. Dabei werden Blätter mit einer Geschichte und verschiedenen markierten Texten reihum weitergegeben und die Schüler lesen abwechselnd vor. Im Sachunterricht zeigen wir den Kindern, wie man ein Feuer macht und wie man zum Beispiel Popcorn zubereitet.

Zischup: Welche Veränderungen hat das grüne Klassenzimmer bisher bewirkt?

Koepchen: Das Konzept wird erst seit Mitte September umgesetzt, daher können wir noch keine umfassende Beurteilung abgeben. Was mir jedoch bereits auffällt, ist die begeisterte Reaktion der Kinder. Sie sind mit Feuer und Flamme dabei. Es gibt keine Schüler mehr, die weglaufen, keine Streitereien, keine Beleidigungen. Diese positive Resonanz zeigt mir, dass unser grünes Klassenzimmer bereits jetzt einen bedeutenden Einfluss auf die Schüler hat und ein Ort der Begeisterung und des Lernens für sie geworden ist.

Zischup: Können Sie einige der Hauptziele nennen, die mit dem grünen Klassenzimmer erreicht werden sollen?

Koepchen: Wir streben insbesondere den respektvollen Umgang mit der Natur und die Förderung von Nachhaltigkeit an. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler, wie sie aus den natürlichen Ressourcen nützliche Dinge herstellen können, wie zum Beispiel Brennnesseltee. Diese Erfahrung schärft ihr Bewusstsein für die Umwelt und lehrt sie, verantwortungsbewusst mit der Natur umzugehen. Darüber hinaus fördern wir ein harmonisches soziales Miteinander.

Zischup: Gibt es speziell geschulte Lehrkräfte für diese Umgebung?

Koepchen: Die Effektivität und pädagogische Sinnhaftigkeit des Unterrichts werden gewährleistet, indem speziell geschulte Lehrkräfte im Einsatz sind. Eine unserer Lehrerinnen verfügt über eine Ausbildung zur Outdoor-Trainerin und absolviert derzeit eine Weiterbildung zur Outdoor-Pädagogin, während die andere Kollegin eng mit ihr zusammenarbeitet. Darüber hinaus berät uns ein Garten- und Landschaftsbaumeister des Christophorus-Jugendwerks.

Zischup: Welche Vorteile bieten das grüne Klassenzimmer für die Schüler mit besonderen Bedürfnissen an Ihrer Schule?

Koepchen: Unsere besonderen Kinder haben oft Schwierigkeiten mit dem sozialen Miteinander, der Konzentration und dem Durchhaltevermögen. Im Freien können wir ihnen viel besser entgegenkommen als in einem traditionellen Klassenzimmer. Draußen können sie sich frei bewegen, Energie abbauen und zurückkommen, wenn sie bereit sind, sich wieder zu konzentrieren. Draußen sind die Kinder ruhiger und können sich länger auf eine Aufgabe konzentrieren.

Zischup: Welche Herausforderungen gab es bei der Umsetzung des grünen Klassenzimmers und wie wurden diese überwunden?

Koepchen: Wir stießen auf verschiedene Herausforderungen, vor allem im Bereich der Haftpflicht und rechtlichen Aspekte. Es war von entscheidender Bedeutung, die Aufsichtspflicht zu gewährleisten und gleichzeitig die schulrechtlichen Vorgaben sowie den Bildungsplan zu erfüllen. Dann mussten wir sicherstellen, dass die Schülerinnen und Schüler sicher auf das Gelände gelangen können. Zusätzlich standen wir vor der Schwierigkeit, dass einige unserer Schüler keine angemessene Winterkleidung besitzen. Diese Bedürfnisse werden von uns selbst bewältigt, um sicherzustellen, dass alle Kinder im grünen Klassenzimmer warm und geschützt sind.

Zischup: Wie wurde die Finanzierung sichergestellt?

Koepchen: Durch eine glückliche Fügung! Während unseres Tages der offenen Tür sprach mich die "Müllheimer Bücherstube" an, die durch den Verkauf ihrer Bücher Geld für interessante Projekte erwirtschaftet. Sie haben großzügigerweise bereits 1000 Euro zur Verfügung gestellt. Wir sind aber tatsächlich weiterhin auf der Suche nach zusätzlichen Sponsoren.

Ressort: Schülertexte

  • Artikel im Layout der gedruckten BZ vom Fr, 15. Dezember 2023: PDF-Version herunterladen

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