Der Widerstand gegen das AKW Wyhl im Roman

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Sa, 08. Februar 2020

Kirchzarten

Julia Heinecke und Roland "Buki" Burkhart in Kirchzarten.

KIRCHZARTEN. "Kalter Nebel" heißt der letzte Band einer Romantrilogie der Freiburger Autorin Julia Heinecke. Als Familiensaga behandelt sie einschneidende Themen und Ereignisse der Regionalgeschichte, die sich in verschiedenen Zeiträumen des vergangenen Jahrhunderts im südbadischen Raum abgespielt haben. Diesem Band liegen die letztlich erfolgreichen Auseinandersetzungen in den 70er-Jahren um und gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl zugrunde. Das fiktionale Handlungsgeflecht der Romanfiguren basiert auf gründlichen Recherchen der tatsächlichen Abläufe.

Da bot es sich geradezu an, dass Julia Heinecke zu ihrer Lesung in der Rainhofscheune am Donnerstag den Liedermacher Roland "Buki" Burkhart eingeladen hatte, dessen mobilisierende Lieder in Kaiserstühler Mundart damals zu einem wesentlichen Bestandteil der widerständigen Haltung der ganzen Region wurden, die in dem kategorischen Slogan "Nai hämmer gsait" gipfelte. Buki eröffnete dann auch mit seinem Lied "De bleede Ofä". Diesen Ausdruck hatte damals die allseits bekannte singende Wirtin der Kanone in Weisweil, Inge Sexauer, für den Reaktor gebraucht und ihn zum Lied inspiriert. Für die zahlreich erschienenen Zuhörer übersetzte er die allzu harten Mundartbrocken ins Hochdeutsche.

Julia Heinecke stellte sich als im nördlichsten Zipfel, nämlich in Flensburg, Geborene vor, die aber schon lange in Baden-Württemberg wohnt. Sie hat neben einer Dolmetscher- und Übersetzerinnen-Ausbildung Kulturwissensaft studiert und betreibt als freie Autorin in Freiburg ihre "Schreibstatt". Im ersten Abschnitt ihrer Lesung lernten die Zuhörer das fiktive Ehepaar Hannelore und Karl kennen und erlebten mit ihm die berüchtigte Bürgerversammlung in Wyhl, zu der der befürwortende Bürgermeister Zimmer eine in feines Zwirn gekleidete Managerriege des Badenwerks eingeladen hatte.

Der Widerstand in den Kaiserstuhlgemeinden hatte sich bereits formiert und das Versammlungslokal war ringsum von protestierenden Bauern und Winzern umgeben, denn im Gemeindesaal waren nur Wyhler zugelassen. Die Badenwerker, unterstützt von Vertretern der Landesregierung, versprachen den Wyhlern im Falle eines Baus das Paradies in Form von Investitionen zum Beispiel in ein Schwimmbad und natürlich jede Menge sichere Arbeitsplätze. Sie stellten die Atomkraft als absolut sichere und einzig zukunftsträchtige Energieform vor.

Der Riss in Befürworter und Gegner ging damals quer durch die Bevölkerung und die Familien. Die einen setzten auf zu erwartenden Wohlstand, die anderen befürchteten die massive Gefährdung des Weinbaus durch Kühlturmnebel. Auch Hannelore und Karl nahmen mit Schrecken wahr, dass Bruder und Schwägerin als potenzielle Wyhler Nutznießer ein KKW-ja-Transparent aus dem Fenster hängten, während sie Unterschriften für Einsprüche gegen das Bauvorhaben sammelten. Passend dazu sang Buki sein Lied "Pass uff, das mr dich nit umdrillt", in dem er vor den Bestechungsversuchen und Lügen der Betreiber warnt: "Se druggad uns in d’Ecka, doch mir wänn net verrecka!"

In diesem kongenialen Wechselspiel fuhren die beiden Vortragenden fort, zusätzlich unterstützt durch die projizierten und unvergessenen Bilder des damaligen und jüngst verstorbenen BZ-Fotografen Manfred Richter. Im fiktionalen Familiengeflecht der Protagonisten, zu denen sich noch Hannelores Bruder Johann gesellte, der als Polizist zwischen die Fronten geraten sollte, tauchten wesentliche Stationen der tatsächlichen Kampfes aus dem historischen Nebel auf.

Anstoß für die folgende Umweltbewegung

Mit den Romanfiguren erlebte man die erste Platzbesetzung, deren brutale Räumung und die Wiedereroberung des Bauplatzes wenig später durch die 28 000 Teilnehmer der Kundgebung an der Nato-Rampe nahe Wyhl. Die Schikanen des Badenwerks und der Landesregierung, ebenso wie die gewalttätigen Angriffe von KKW-ja-Gruppen wurden ruchbar, die wichtige Rolle des Weisweiler Pfarrers Günter Richter wurde deutlich, genauso wie das schließliche Aus des Vorhabens durch die Offenburger Vereinbarung und den Gerichtsprozess.

Diese wichtigen Reminiszenzen an den in dieser Form einmaligen Volkswiderstand, der den Anstoß für die gesamte folgende Umweltbewegung gegeben hat, in einer sauber recherchierten und lustvoll lesbaren Form am Leben gehalten zu haben, ist das wesentliche Verdienst dieses Buches. So sahen es auch die Zuhörer, unter denen so mancher damals Beteiligte weilte. Julia Heinecke und Roland Burkhart ernteten viel Beifall. So manches Buch wanderte signiert über den Tresen des Buchladens in der Rainhofscheune und noch viele Gespräche entwickelten sich. Am Rande war von Buki zu erfahren, dass sich am 20. Februar, dem 45. Jahrestag der brutalen ersten Platzräumung, frühmorgens um sechs Uhr alle Interessierten an der Nato-Rampe bei Wyhl am Mahnmal des Widerstands treffen, um gemeinsam das Lied "Die neue Wacht am Rhein" von Walter Mossmann zu singen. Die Räumung hatte ebenfalls in aller Frühe stattgefunden.

Weitere Informationen über die Autorin: https://die-schreibstatt.de/