Deutsche Solaranlagen hängen französische Akw ab

afp

Von afp

Mo, 11. Juli 2022

Wirtschaft

Korrosionsschäden an Atomkraftwerken und Sommerhitze gefährden Frankreichs Stromproduktion / Abgeschaltetes Kohlekraftwerk wird wieder hochgefahren.

Im französischen Regierungsprogramm hat Atomkraft einen prominenten Platz: "Die Energiewende wird dank der Atomkraft gelingen", versicherte Premierministerin Elisabeth Borne den Abgeordneten und verwies darauf, dass Atomkraft CO2-neutral, "souverän und wettbewerbsfähig" sei. Doch in dem Land, das sich mehr als alle anderen EU-Länder der Atomkraft verschrieben hat, gibt es viele Probleme mit alternden Kraftwerken. Ein heißer, trockener Sommer droht die Lage zu verschärfen.

Seit in Deutschland Sommerwetter herrscht, produzieren die deutschen Solarkraftwerke zeitweise mehr als alle französischen Atomkraftwerke zusammen. Vergangene Woche kamen sie auf tägliche Höchstwerte von mehr als 30 Gigawatt, während die Leistung der Akw in Frankreich nicht über 28 Gigawatt kletterte.

Das liegt in erster Linie daran, dass derzeit die Hälfte der 56 französischen Akw wegen Wartungsarbeiten und technischer Probleme vom Netz ist. Der Betreiber EDF hat mehrfach seine Prognose gesenkt. Möglicherweise könnte die Jahresproduktion 2022 auf den niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten sinken. Dafür verantwortlich sind unter anderem Korrosionsschäden, feine Risse in den Rohren des Notkühlsystems, die erstmals im Oktober 2021 im Atomkraftwerk Civaux auffielen. Zunächst wurden baugleiche Atomreaktoren abgeschaltet. Inzwischen steht fest, dass der gesamte Atompark überprüft werden soll.

Wegen der frühen Hitzewellen in diesem Jahr mussten zudem mehrere Atomkraftwerke zeitweise gedrosselt werden. Davon betroffen waren die Akw Blayais an der Gironde und Saint-Alban an der Rhone. Beide Flüsse führten wenig Wasser, das warme Kühlwasser hätte sie zu sehr aufgeheizt. Derzeit sind insgesamt sechs Akw unter erhöhter Aufsicht, bei denen es in künftigen Hitzeperioden zu Problemen kommen könnte.

Dies alles führt dazu, dass EDF in diesem Jahr mehr als 60 Milliarden Euro Schulden anhäufen könnte. Die Regierung hat daher entschieden, das Unternehmen, das bereits zu mehr als 80 Prozent in staatlicher Hand ist, wieder komplett zu verstaatlichen.

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs rühmte sich Frankreich mit Blick auf Deutschland, von russischem Gas unabhängig zu sein. Doch angesichts der Probleme mit den eigenen Atomkraftwerken wird nun deutlich, dass Frankreich den Ausbau erneuerbarer Energien weitgehend verschlafen hat. Im Juni hat erstmals ein Windpark auf See überhaupt Strom produziert – überraschend spät für ein Land, das lange Küsten am Ärmelkanal und am Atlantik hat. Mehrere Offshore-Windparks befinden sich derzeit im Bau. Präsident Emmanuel Macron will bis 2050 insgesamt 50 Offshore-Windparks bauen lassen, die dann 40 Gigawatt produzieren sollen. Den Ausbau von Windparks an Land will er jedoch verlangsamen.

Frankreich zeigt gerne mit dem Finger auf die deutschen Kohlekraftwerke, sieht sich aber nun gezwungen, ein Ende März abgeschaltetes Kohlekraftwerk nahe der deutschen Grenze im Winter wieder in Betrieb zu nehmen. Dafür sei ein "Umweltausgleich" vorgesehen, betonte das Umweltministerium. So könnte der Betreiber des Kraftwerks in Saint-Avold verpflichtet werden, in Aufforstungsprojekte zu investieren.

Frankreichs Rechnungshof drängt, den französischen Strommarkt aufzuräumen, da die Regeln nicht den europäischen Anforderungen entsprächen. "Weder verständlich noch steuerbar" sei die Organisation des Strommarkts, in den der Staat in der Vergangenheit immer wieder eingegriffen hat, um den Verbrauchern niedrige Preise zu garantieren.

Es gibt aber Zeichen für ein Umdenken. Das Wort für Stromsparen (sobriété, was auch Nüchternheit heißt) sprechen sowohl die Regierung als auch die Chefs von Energiekonzernen mittlerweile offen aus. "Die beste Energie ist die, die wir nicht verbrauchen", erklärten Patrick Pouyanné von Total Energies, Jean-Bernard Levy von EDF und Catherine MacGregor von Engie kürzlich in einem Gastbeitrag in der Sonntagszeitung JDD.