Gesellschaft

Alzheimer: Täglich ein kleiner Abschied

Susanne Stiefel

Von Susanne Stiefel

Sa, 14. Mai 2011

Deutschland

Ilse Schöner ist an Alzheimer erkrankt, ihr Mann Rainer hat sie über Jahre betreut und gepflegt – bis er nicht mehr konnte. Eine Langzeitbeobachtung.

Der Schock war groß, die Diagnose niederschmetternd. Als Ilse Schöner hörte, dass sie an Alzheimer leidet, wurde ein Verdacht zur Gewissheit, und die vielen Vergesslichkeiten fügten sich zu einem Krankheitsbild. Anfangs hat sie diese Gewissheit gelähmt, die sich wie ein Feind in ihr Leben geschlichen hat. Doch dann gingen Ilse und ihr Mann Rainer in die Offensive. Die beiden rüstigen Endsechziger stellten sich der Krankheit – und ließen sich begleiten. "Wir wollen, dass andere von unseren Erfahrungen profitieren", sagten die Schöners tapfer. Und dass diese Krankheit kein Tabu mehr ist. Nur ihren Namen wollen sie nicht preisgeben, ihr Gesicht nicht zeigen.

DEZEMBER 2009

Rituale geben einem Leben Halt. Vor allem wenn es auf die schiefe Ebene geraten und rasant ins Rutschen gekommen ist. Täglich um 15 Uhr ist Soap-Time, dann sitzt Ilse Schöner vor dem Fernseher und lässt sich fallen in die aufregende Welt der Intrigen, des Verrats und der Leidenschaft. "Sturm der Liebe", Folge 972: "Der lacht da immer drüber", sagt die 70-Jährige und deutet auf ihren Mann. Die Frau mit dem grauen Bubikopf kümmert das nicht. Sie ist süchtig nach diesen 50 Minuten wie nach einer kleinen Ruheinsel, auf der das Leben überschaubar und wohltuend unwirklich ist.

Zu den Gewissheiten im Haus gehört, dass jede Folge aufgenommen wird, die Ilse verpasst. Eine andere ist, dass Rainer sich um seine Frau kümmert, solange er kann. Das Dachgeschoss des Reihenhauses wird ausgebaut, damit dort eine Pflegerin einziehen kann, wenn er an seine Grenzen gelangt ist. "Das kriegen wir schon hin, Ilse, gell?", sagt er und streichelt ihren Arm.

Sie kennen sich seit mehr als 44 Jahren. Sie hat als Sekretärin bei Sandoz in Basel gearbeitet, er war ein "armer Schlucker", wie sie sagt. 1969 gab es ein rauschendes Silvesterfest, am nächsten Tag sind sie mit Freunden im Regen spazieren gegangen. Er trug den Schirm, sie hat sich untergehakt. Sie war zögerlich, aber seine Beharrlichkeit hat ihr imponiert.

Sie hat zwei Kinder bekommen; als die größer waren, hat sie wieder als Sekretärin gearbeitet. Ilse Schöner erzählt langsam, betont jedes Wort, strengt sich an. Doch je näher die Gegenwart kommt, umso mehr gleicht ihr gelebtes Leben einem Stück nasser Seife, das ihr entgleitet. Ilse Schöner konzentriert sich auf ihre Lebensgeschichte, freut sich, wenn sie die richtigen Worte findet. Doch manchmal werden ihre Augen groß und leer. Dann hört sie auf zu sprechen. Und die Traurigkeit kommt mit der Gewissheit, dass dies nur der Anfang ist.

Ilse Schöner ist nur ein Beispiel von mehr als einer Million Menschen über 65, die an Demenz erkrankt sind. Und jährlich wächst ihre Zahl um 200 000. Ein langes Leben hat seinen Preis. Die meisten Kranken werden in ihren Familien gepflegt, doch mit fortschreitender Krankheit ...

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