Den Dialog befreien

Bettina Schulte und Thomas Steiner

Von Bettina Schulte & Thomas Steiner

Sa, 02. Juni 2012

Deutschland

BZ-INTERVIEW: Der Soziologe Hans Joas über Wissenschaft und Glauben.

er Soziologe Hans Joas, der zur Zeit an der Freiburger School of History am FRIAS der Universität Freiburg forscht, räumt in seinem neuen Buch "Glaube als Option" mit Haltungen auf, die den Dialog zwischen gläubigen und nicht gläubigen Menschen schnell festfahren lassen können. Dabei wird dieses Gespräch auch angesichts der religiösen Aufladung politischer Auseinandersetzungen zunehmend wichtig. Die BZ-Redakteure Bettina Schulte und Thomas Steiner sprachen mit dem renommierten Soziologen.

D
BZ: Herr Joas, wie beurteilen Sie die Rolle, die Religion in der heutigen Gesellschaft spielt?
Joas: In meinem neuen Buch vertrete ich die These, dass sich zwei Annahmen für die religionspolitischen Auseinandersetzungen erledigt haben. Die Skeptiker und die Säkularisten glauben seit dem 18. Jahrhundert, sie seien historisch führend und Gläubige rückständig. Die Gläubigen hingegen sind der Meinung, dass bei der Säkularisierung etwas wegfällt, was Menschen unbedingt brauchen: Sie werden unglücklich oder unmoralisch, und soziale Zusammenhalt funktioniert nicht mehr. Der Wegfall dieser beiden Annahmen befreit das heutige Gespräch über den Glauben. Der religiösen Vielfalt der Welt Rechnung zu tragen: Darauf können sich Gläubige und Ungläubige einigen. Wenn man zeigen kann, dass auch stark säkulare Gesellschaften zu sozialem Zusammenhalt und altruistischem Verhalten fähig sind, muss man über den Zusammenhang von Religion und Moral ganz anders nachdenken.
BZ: Warum ist diese Vorstellung eines Zusammenhangs von Fortschritt und Säkularisation denn so stark in unseren Köpfen verankert?
Joas: Es gibt immer wieder Phasen, in denen sich teleologisches Denken verstärkt durchgesetzt hat. Das hat sehr geschwankt. Eine starke Phase waren die fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Dem Marxismus im Osten stand im Westen die Modernisierungstheorie gegenüber, die die amerikanische Gesellschaft als das historische Nonplusultra pries.
BZ: Wir haben dieses Denken nicht verabschiedet. Oder doch?
Joas: Zwar hat der französische Philosoph Lyotard, der Apostel der Postmoderne, das Ende aller großen Erzählungen ausgerufen. Aber eine veränderte ...

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