Die doppelte Wut

Annette Hofmann

Von Annette Hofmann

So, 13. Oktober 2019

Kultur

Der Sonntag Im Theater Freiburg ist Elfriede Jelineks Furor gegen männliche Attentäter zu erleben.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer mag die Wut von Elfriede Jelinek. Eine gute Voraussetzung, um ihr gleichnamiges Stück am Theater Freiburg zu inszenieren. Am 18. Oktober hat das Stück Premiere im Großen Haus.

Hermann Schmidt-Rahmer ist im Laufe seiner Karriere zu einem Experten für die Stücke von Elfriede Jelinek geworden. "Die Schutzbefohlenen", zweimal "Das Sportstück", "Maria Stuart", "Rechnitz", mit dem er 2011 für den Theaterpreis "Der Faust" nominiert war. Und jetzt "Wut" am Theater Freiburg. Man kann nicht sagen, der 1960 geborene Regisseur wüsste nicht, was er tut. Schmidt-Rahmer kam über Umwege zum Inszenieren. Erst studierte er Schlagzeug in Düsseldorf, dann Musikwissenschaft und Philosophie und schließlich an der Universität der Künste in Berlin Schauspiel. In Berlin lebt er noch immer, doch nachdem er als Bühnenkomponist und Schauspieler gearbeitet hat, ist er längst in das Regiefach gewechselt. Warum immer wieder Jelinek? Gibt es da eine Verwandtschaft zur Autorin, die mit 13 Jahren aufs Konservatorium der Stadt Wien ging? "Ja", sagt er, "es ist eindeutig eine Musikerin, die da schreibt. Die Stücke von Jelinek sind wie Fugen aufgebaut. Man spürt die Musikalität, wenn man den Text spricht."

Die titelgebende Wut ist in Elfriede Jelineks 2016 uraufgeführtem Stück doppeldeutig. Da sind einerseits die mordenden Männer, andererseits die Wut der Autorin, die immer noch nicht aufgegeben hat, ihren Sprach-Furor dagegenzusetzen. "Wenn mein Schreiben euch nicht rettet, so ist es verloren", heißt eine der Szenen, aus denen der Regisseur die Freiburger Fassung des Stückes zusammengesetzt hat. Die letzte dann "Like a little Prayer/Bitte um Schutz vor bösen Anschlägen!", ein Gebet, das – so muss man jetzt nach dem Attentat in Halle feststellen – nicht erhört wurde. "Wut" ist kurz nach den Anschlägen auf die Pariser Redaktion von "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt entstanden. Doch die österreichische Autorin zieht eine Verbindung zur Antike, zu Euripides’ eher unbekanntem Drama "Der rasende Herakles", in dem der Held, nachdem er all seine Taten vollbracht hat, wie aus dem Nichts seine Familie umbringt. Ein anderer Strang ist der Gründungsmythos Thebens, demnach der Drachenbezwinger Kadmos die Zähne des Drachen aussät und eine Kriegerschar erntet, die sich gegenseitig tötet. Mit den verbliebenen fünf Männern wird Kadmos Theben gründen. Die Verbindungen zwischen dem Mythos und einer extremistischen Gegenwart sind fließend, so als lägen nicht mehrere Jahrtausende dazwischen. Auch des ermordeten Walter Lübcke wird gedacht. Und der "stark emotionalisierte" Björn Höcke, der hier jetzt endgültig Bernd heißt, spielt in diesem Reigen der Wutbürger eine Rolle.

Im Frühjahr hatte Schmidt-Rahmers Inszenierung für das Schauspiel Frankfurt "Das Heerlager der Heiligen" nach einem Roman von Jean Raspail Premiere. Schmidt-Rahmer ist ein politisch denkender Regisseur, für den das Theater einen gesellschaftlichen Auftrag hat. Der französische Autor, der in seinem Buch vom Untergang des Abendlandes durch eine Million indische Migranten schreibt, hat in rechten Kreisen einige Berühmtheit erlangt. Stephen Bannon hat ihn gelesen, Marine Le Pen mit Passagen des Romans Wahlkampf gemacht.

In den Abgrund blicken

"Man kann an diesem Text gut zeigen, wie Ängste durch Erzählungen produziert werden", sagt Schmidt-Rahmer, und weiter: "Ich glaube, dass man im Theater den Teufel nicht unter der Decke lassen und nur das Gute darstellen soll, man muss schon dem Abgrund ins Auge blicken." Das kann man zweifellos auch bei Elfriede Jelineks Stück "Wut". Und es scheint, dass Autorin und Regisseur hier Gleichgesinnte sind.
Wut, Premiere: 18. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Freiburg. Weitere Termine: 25. und 31. Oktober, jeweils 19.30 Uhr.